Who cares? Care-Arbeit im neoliberalen Geschlechterregime

widerspruch1Artikel von Sarah Schillinger im Denknetz 56/09 WIDERSPRUCH – 56/09

Fünfzig Jahre nach Iris von Rotens Kritik an der „gesellschaftlichen Entwurzelung der Frauen infolge ihrer grundsätzlichen Berufslosigkeit“ (von Roten 1958) ist die Mehrheit der Frauen in der Schweiz erwerbstätig: 76.6 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren gehen einer bezahlten Arbeit nach – die Schweiz hat im europäischen Vergleich eine sehr hohe Frauenerwerbsquote (BFS 2008a). Die Geschlechterverhältnisse sind damit in Bewegung gekommen: Das bürgerliche Ideal des „Hausfrauenmodells“ – auch als „männliches Brotverdienermodell“ bezeichnet, da der Mann der hauptsächliche Ernährer der Familie ist und die Frau (wenn finanziell möglich!) zuhause bleibt – hat stark an Bedeutung verloren.
Nur noch eine Minderheit der Familien sind heute in der Schweiz nach diesem traditionellen Modell organisiert, das als „geschlechterpolitisches Arrangement
des Fordismus“ bezeichnet wird: Setzten sich 1970 noch rund drei Viertel
aller Paarhaushalte mit Kindern unter sieben Jahren gemäss dem Modell
aus einem Vollzeit erwerbstätigen Vater und einer nicht erwerbstätigen
Mutter zusammen, so entsprachen 1990 noch gut 60 Prozent und im Jahr
2000 nur noch 37 Prozent der Paarhaushalte dem Modell (Bühler 2001).
Das Nur-Hausfrauendasein ist längst nicht mehr das gesellschaftliche
Leitbild, die geschlechtlichen Rollenbilder haben sich stark gewandelt:
(Fast) niemand will die Frauen zurück an den Herd drängen. Die Spielräume der Lebensgestaltung für Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten
erheblich vergrössert, das Bildungsniveau ist massiv gestiegen und die
Formen des Zusammenlebens von Frauen und Männern sind heute vielgestaltig.
Ein Triumph für die Frauenbewegung also? Trotz Umbrüchen in den
Geschlechterverhältnissen sind in der Schweiz viele Kontinuitäten zu
verzeichnen. Die Veränderungen können am ehesten eine „Modernisierung
des Patriarchats“ genannt werden. Auf einige Widersprüche der gegenwärtigen geschlechterhierarchischen Arbeitsgesellschaft gehe ich im
ersten
Abschnitt dieses Beitrags ein. Wie ich im
zweiten
Abschnitt aufzuzeigen
versuche, werden Bedürfnisse und Interessen, die einst von der Frauenbewegung problematisiert und politisiert worden sind, im Neoliberalismus
entpolitisiert: einerseits durch eine Reprivatisierung von Haus- und Betreuungsarbeit, andererseits durch eine Ökonomisierung von Fragen der
alltäglichen Lebensführung. Ein Bündel von scheinbar geschlechtsneutralen familien- und arbeitsmarktpolitischen Massnahmen entzieht feministischen Forderungen den Boden. „Frauenförderung ist Wirtschaftsförderung“, lautet die Parole. So werden zwar zentrale feministische Forderungen wie jene nach weiblicher Erwerbstätigkeit aufgegriffen, aber für
privatwirtschaftliche und bevölkerungspolitische Interessen der Systemsicherung nutzbar gemacht.
Frigga Haug (2007, 14) spricht im Anschluss an Gramsci von einer
„passiven Revolution“, in der feministische Vorstellungen und Forderungen
eine Art „feindliche Übernahme“ unter neoliberalen Vorzeichen erfahren
haben. Auch die US-amerikanische Feministin und Sozialphilosophin
Nancy Fraser (2009) konstatiert eine Vereinnahmung der zweiten Frauenbewegung durch den aktuellen Kapitalismus. Die ursprünglichen feministischen Anliegen verschwinden hinter neuen Modewörtern und Managementmethoden. Die Tiefenstruktur unserer Gesellschaft – die hierarchische
geschlechtliche Arbeitsteilung – bleibt dabei unangetastet. Gesellschaftliche Widersprüche in der Lebenssituation von Frauen werden zwar teilweise wahrgenommen, ihr gesellschaftlicher Ursprung wird aber nicht
analysiert. Eine Frauenbewegung, die genau diese Widersprüche politisiert
und – wie in den späten 60er und den 70er Jahren – die Geschlechterordnung
in den gesellschaftlichen Kontext einordnet, ist derzeit fast nicht auszu
machen.
Doch genau hier sollte angesetzt werden: „Frauen, denkt ökonomisch!“
mahnt uns Nancy Fraser und macht deutlich, dass ein „zeitgemässer Feminismus“ grundlegende Fragen der Umverteilung von Macht, Ressourcen
und Zuständigkeiten (z.B. für Haus- und Betreuungsarbeit) wieder stärker
politisieren sollte und die politische Ökonomie nicht (mehr) vernachlässigen
darf (Fraser 2005). Ihr Votum aufnehmend, plädiere ich im
dritten
Abschnitt
dafür, den Bereich der (unbezahlten) Care-Ökonomie (wieder) stärker zum
Gegenstand politischer Auseinandersetzung und Gestaltung zu machen und
für eine neue Zeitpolitik einzutreten, die schliesslich – radikal umgesetzt
– die klassische Trennung zwischen öffentlich und privat, zwischen Arbeits-
und Lebenszeit sprengen und eine Transformation der Geschlechterverhältnisse (und der Gesellschaft insgesamt) einleiten würde.
Brüche und Kontinuitäten im Geschlechterverhältnis
Welches sind die Umbrüche, Ungleichzeitigkeiten, Widersprüche, aber
auch Konstanten in der „Modernisierung“ der Geschlechterverhältnisse
der Schweiz? Es geht dabei um die Organisation, Verteilung und Bewertung
der gesamten gesellschaftlichen Arbeit, welche die Lohnarbeit wie auch
die sogenannte unbezahlte Care-Arbeit umfasst.
a) Uneingelöste ökonomische Autonomie für Frauen
Heute weisen die Frauen in der Schweiz im internationalen Vergleich zwar
eine der höchsten Erwerbsquoten auf, ihre Erwerbstätigkeit geht aber mit
einem hohen Anteil an Teilzeitarbeit einher: Über die Hälfte der erwerbstätigen Schweizerinnen (57 Prozent) arbeitet Teilzeit, während im EU 95

Durchschnitt der Anteil erwerbstätiger Frauen mit einem Teilzeitpensum
knapp ein Drittel beträgt (BFS 2008b). Betrachtet man das Erwerbsarbeitsvolumen, relativiert sich die hohe Erwerbsarbeitsquote der Frauen: Männer
verrichten 64 Prozent, Frauen 36 Prozent der gesamten bezahlten Arbeit
(BFS 2008a).
Teilzeitarbeit wird oft als besonders frauengerecht dargestellt, als bewusste Wahl all jener Frauen, die Erwerbsarbeit und Hausarbeit unter einen
Hut bringen müssen. Tatsächlich arbeiten jedoch Frauen oft unfreiwillig
Teilzeit: Jede vierte Frau mit Kindern unter 15 Jahren möchte eigentlich
mehr Erwerbsarbeit leisten (Familienbericht 2004, 52). Teilweise wird
Teilzeitarbeit den Beschäftigten aufgedrängt, denn sie erleichtert es den
Unternehmern, den Personalbestand einer hochflexiblen Produktion anzupassen und die Kosten der Arbeit zu senken. Die Erwerbsarbeit von Frauen
wird noch immer als Manövriermasse zur Regulierung des Arbeitsmarktes
genutzt.
Oft sind die Bedingungen von Teilzeitarbeit prekär: Arbeit auf Abruf,
atypische Arbeitszeiten, befristete Arbeitsverträge – dies sind schlechte
Voraussetzungen für die „Vereinbarkeit“ von Erwerbsarbeit und Privatem.
Flexible Arbeitszeiten sind nur unter ganz bestimmten Bedingungen familienfreundlich, entscheidend ist der Grad der Mitbestimmung der Beschäftigten, was die Lage, Dauer und Verteilung der Arbeitszeiten angeht. In
vielen Fällen fehlt jedoch diese Mitbestimmung (zur „Janusköpfigkeit“
flexibler Arbeitszeiten vgl. Jürgens 2005).
Die von der Frauenbewegung eingeforderte ökonomische Unabhängigkeit der Frauen von ihren (Ehe-)Partnern ist angesichts der prekären Lage
der Frauen auf dem Arbeitsmarkt trotz massiv erhöhter weiblicher Erwerbsquote nur beschränkt eingelöst. Frauen sind dreimal häufiger von Tieflöhnen betroffen als Männer: 19 Prozent der Frauen arbeiten im Tieflohnbereich
(BFS 2008c). Und noch immer verdienen die Frauen in der Schweiz 19.7
Prozent weniger als die Männer (BFS 2008b). Dem Grossteil der Frauen
kann unter diesen Bedingungen keine eigenständige Existenzsicherung
gelingen. Meistens nehmen sie deshalb weiterhin die Rolle der Zuverdienerin wahr – mit oft prekären Folgen. Entsprechend gross ist die Armutsquote von Frauen, die sich und ihre Familie allein durchbringen müssen:
Alleinerziehende weisen die höchste Working-poor-Quote auf, jede vierte
dieser „Einelternfamilien“ ist arm. Alleinerziehende sind laut Caritas
(2007) viermal häufiger auf Sozialhilfe angewiesen als der Durchschnitt
der Bevölkerung; die Sozialhilfequote von Alleinerziehenden beträgt 17.6
Prozent. In der Schweiz leben rund 160’000 Alleinerziehende – das sind
15 Prozent aller Familien.
b) Zementierte geschlechtliche Arbeitsteilung
Angesichts der stark gestiegenen Erwerbstätigkeit der Frauen stellt sich

die Frage, ob und wie sich die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen

im Alltag verändert hat. Für die Schweiz sind dazu überraschend genaue
Statistiken vorhanden.
Die Zahlen sind auch vierzig Jahre nach Beginn
der neuen Frauenbewegung eher ernüchternd: In Schweizer Familien
wurde in den letzten Jahren selbst dann nicht viel Haus- und Familienarbeit
umverteilt, wenn beide Eltern berufstätig waren. Bei einigen Paaren mag
es durchaus zur grossen Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern und zur Modernisierung der Rollenverständnisse gekommen sein. Für
die grosse Masse gilt aber weiterhin, dass die Care-Arbeit – die Sorge
dafür, dass zuhause alles läuft – primär von Frauen erledigt wird, gratis,
wenig anerkannt und meist unsichtbar (vgl. dazu Wüthrich 2008). Bei 85
Prozent aller Paare übernimmt die Frau mehr als 60 Prozent der Haus- und
Familienarbeit. Eine partnerschaftliche Aufteilung wird nur in 11 Prozent
der Haushalte praktiziert, wo sich beide zu mindestens 40 Prozent an der
Haus- und Familienarbeit beteiligen. In knapp 3 Prozent ist es der Fall,
dass es der Mann ist, der mehr als 60 Prozent der Arbeit ausführt (Strub
2006, 299).
Der Wandel der Geschlechterrollen ist also asymmetrisch verlaufen:
Zwar sind die weiblichen Biographien vermehrt durch Erwerbsarbeit geprägt, umgekehrt haben bei den männlichen Biographien die Betreuungsarbeit und vor allem die Hausarbeit nur wenig an Bedeutung gewonnen.
In Haushalten mit Kindern unter 15 Jahren wenden Frauen durchschnittlich
54 Stunden pro Woche für Haus- und Betreuungsarbeit auf, Männer 28
Stunden – somit leisten Mütter zuhause noch immer rund doppelt so viel
unbezahlte Arbeit wie Väter (BFS 2008d). Dem bürgerlichen Familienmodell entsprechend leisten die Väter dafür mehr bezahlte Erwerbsarbeit –
durchschnittlich 41 Wochenarbeitsstunden sind es bei Männern mit Kindern
unter 15 Jahren (ebd.).
Nach Angaben des Bundesamts für Statistik (2004) liegt der Wert der
unbezahlten Arbeit, die in der Schweiz geleistet wird, bei rund 270 Milliarden Franken pro Jahr; davon entfallen 188 Milliarden auf die Hausarbeit,
55 Milliarden auf Betreuungsarbeit. Die Dimension der unbezahlten Arbeit
im Haushalt ist ein ökonomischer Faktor, dessen Bedeutung stark unterschätzt wird. Laut Berechnungen von Mascha Madörin (2007, 144) ist
allein das Zubereiten von Mahlzeiten zuhause, gemessen am Arbeitsvolumen, die grösste Wirtschaftsbranche überhaupt in der Schweiz! Das Ende
des „bürgerlichen Hausfrauenmodells“ bedeutet demnach bei weitem nicht
ein Ende der Haus(frauen)arbeit. Als modernisierte Form der bürgerlichen
Versorgerehe gilt die „Eineinhalb-Einkommen-Familie“ – mit der Frau als
„Zuverdienerin“ und immer noch Hauptverantwortlichen für die Haus- und
Familienarbeit. Die traditionelle Arbeitsteilung im Haushalt bleibt das
harte Kernstück der Geschlechterungleichheit, bedeutet für die meisten
Frauen eine Doppelbelastung und hat zudem weitreichende Konsequenzen

für die Lage der Frauen im Erwerbsleben.

c) „Entgrenzung“ der Arbeit(szeit) – Zeitnot – Betreuungslücken
Seit einiger Zeit findet ein Wandel statt, den die SoziologInnen unter dem
Begriff der „Entgrenzung“ von Arbeit und Arbeitszeit fassen (vgl. Pongratz/
Voss 2003, Hochschild 2006, Winker/Carstensen 2007). Gemeint ist eine
durch forcierte Kapitalverwertung und neue berufliche Leistungsanforderungen bedingte Veränderung der Organisationsbedingungen von Arbeit,
die nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern auch die alltägliche Lebensführung
tangiert und zu einer tendenziellen „Landnahme“ der Privatsphäre führt.
So kommt es durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit zu (noch) komplexeren Anforderungen im Familienalltag: „Die Felder ‚Arbeit und Leben’
sind zunehmend nicht mehr eindeutig konturiert und abgegrenzt, sondern
verwischen sich, und ihr Verhältnis zueinander wird dadurch zu einer nun
aktiv individuell zu leistenden Aufgabe der (Neu-)Formierung, der aktiven
Begrenzung, der bewussten Balance, des gezielten alltäglichen Managements“ (Voss 2001, 19).
Gesellschaftliche Errungenschaften und Zeitinstitutionen wie der Feierabend und der (erwerbs-)arbeitsfreie Samstag geraten unter Druck, selbst
der Sonntag als wöchentlicher Ruhetag und die 42-Stunden-Woche verlieren immer stärker an allgemeiner Verbindlichkeit, Überstunden sind an der
Tagesordnung. Neben der Intensivierung und Flexibilisierung der Arbeitszeit setzt auf internationaler Ebene eine Rückkehr zu längeren Arbeitszeiten
ein. Die Schweiz ist bezüglich Wochenarbeitszeit nach wie vor „an der
Spitze“. Entsprechend steht weniger Zeit für Familie und Freizeit zur
Verfügung.
Insbesondere Frauen und Männer mit Betreuungspflichten können den
Standards des „flexiblen Menschen“ (Sennett 1998) nur schwer entsprechen. Entgrenzte, flexibilisierte Erwerbsarbeit lässt sich schwer kombinieren mit den schon immer hochflexiblen zeitlichen Anforderungen bei der
verlässlichen Sorge für andere. Die Organisation der privaten Lebensführung gerät zu diesen Veränderungen in der Erwerbswelt deshalb immer
mehr in Konflikt. Dass dabei „Engpässe“ in der alltäglichen privaten
Versorgung entstehen, zeigen die allgegenwärtige Debatte um die „Unvereinbarkeit von Beruf und Familie“ wie auch die offensichtlich akute
„Betreuungslücke“ in Privathaushalten mit Kleinkindern und der „Pflegenotstand“ – was inzwischen als „Care-Krise“ diskutiert wird. Die Klagen
über „Zeitnot“ und wachsenden Druck nehmen denn auch zu: Insbesondere im Alter zwischen 30 und 40, wenn kleine Kinder zu betreuen sind und
gleichzeitig im Erwerbsleben häufig hohe Ansprüche gestellt werden, kann
die Zeitnot akut werden. Stress ist in der Schweiz laut einer Studie (Ramaciotti und Perriard 2003, 42f.) eine sehr verbreitete Realität.
Öffentliche Betreuungsstrukturen (Krippen, Tagesschulen usw.) für
Kleinkinder und schulpflichtige Kinder sind in der Schweiz trotz verstärkten politischen Bemühungen (vgl. Impulsprogramm zur Förderung derfamilienergänzenden Kinderbetreuung) noch immer massiv unterentwickelt
(2005, 2.58 Kinderkrippen und Kinderhorte pro 1000 Kinder unter 7
Jahren, vgl. BFS 2008b). Laut jüngsten Schätzungen der Eidgenössischen
Koordinationskommission für Familienfragen fehlt es schweizweit an
Betreuungsplätzen für rund 120‘000 Kinder (EKFF 2008, 20). Qualitativ
hochstehende Kinderbetreuung ist noch immer kein Recht, das im Rahmen
des Service Public garantiert ist. Zudem sind die vorhandenen Betreuungsstrukturen in den meisten Fällen zuwenig auf die flexibilisierten Arbeitsverhältnisse ausgerichtet. Gefragt ist also weiterhin die „sorgende Mutter
und Hausfrau“, die flexible, mobile Familienmanagerin, die überall
gleichzeitig und für alle da sein sollte.
In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion ist mit dem Vereinbarkeitskonflikt vorwiegend jener zwischen Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung in einer frühen Phase des Familienlebens gemeint. Immer mehr
zeichnet sich aber auch ein zweiter Vereinbarungskonflikt ab, der wiederum
mehrheitlich Frauen betrifft, jedoch meist in einer späteren Phase: Der
Konflikt zwischen späten Berufsphasen und intergenerationeller Pflege
betagter Angehöriger und Bekannter. Pflegebedürftige Eltern bzw. Schwiegereltern können eine intensive „Zusatz“-Arbeit bedeuten, die mit der
Doppelbelastung in der Familienphase vergleichbar ist (vgl. Notz 2007).
Aktuelle Reprivatisierungs- und Ökonomisierungstendenzen
Politiker und Unternehmerkreise sorgen sich zunehmend um die langfristig
gesunkenen Geburtenzahlen und fordern gleichzeitig eine weitere Erhöhung der Frauenerwerbsquote. Angesichts der zunehmenden „Alterung“
der europäischen Gesellschaft hänge die Wettbewerbsfähigkeit Europas
auch davon ab, wie gross der Anteil der berufstätigen Bevölkerung ist und
wie viele Berufstätige sich für Kinder entscheiden. Es geht um eine effektivere Nutzung des „weiblichen Humankapitals“ und um „mehr Kinder“,
die Frauen zu gebären hätten, um die Sicherungssysteme zu retten (vgl.
Prognos 2005). Die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ ist heute ein
allseits geteiltes Anliegen und wurde sogar vom Bundesrat auf die politische
Agenda gesetzt. Die Schweiz hat sich auch an der ländervergleichenden
OECD-Studie „Babies and Bosses – Reconciling Work and Family Life“
beteiligt, und das Thema wurde in die offiziellen beschäftigungspolitischen
Leitlinie aufgenommen (vgl. Seco 2004).
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die gegenwärtige
Auseinandersetzung um die „Vereinbarkeit“ sehr oberflächlich bleibt und
die realen Bemühungen sich vorrangig auf individualisierte „Hilfen“ zur
Anpassung an die Anforderungen des Arbeitsmarktes beschränken. Die
Verantwortung für die Lösung der Probleme wird auf die Familien überwälzt. Gesellschaftliche Voraussetzungen einer tatsächlichen Vereinbarkeit
werden durch eine „genderkompatible“ Rhetorik verschleiert. Die Problematik wird damit der gesellschaftlichen Auseinandersetzung entzogen und
bleibt unangetastet. Darin manifestiert sich ein grundlegender Konflikt
um „die Grenze zwischen dem, was politisch ist, und dem, was nicht politisch ist“ (Fraser 1994, 257). Das „Private“ – einst politisiert durch die
neue Frauenbewegung – wird im neoliberalen Geschlechterregime zunehmend entpolitisiert. Neoliberale und neokonservative Kräften dominieren
die Interpretation der Lebensverhältnisse von Frauen: Sie möchten die
Bedürfnisse von Frauen wieder privatisieren, sie also der politischen
Auseinandersetzung entziehen. Tendenzen einer „Entpolitisierung“ zeigen
sich auch in der Schweiz a) in der (Re-)Privatisierung von Care-Arbeit und
b) in einer Tendenz zur Ökonomisierung der alltäglichen Lebensführung.
a) (Re-)Privatisierung von Care-Arbeit:
Aufgaben, die für die Gesellschaft
absolut zentral sind – Betreuung, Erziehung und Pflege von Kindern oder
älteren Menschen, Kochen, Putzen, Bügeln und Waschen –, sollen als familiäre Angelegenheit und damit als „Privatsache“ taxiert werden. Bedürfnisse, die „von unten“, von der Frauenbewegung politisiert worden
sind, werden dadurch in die häuslich-private Sphäre zurückgedrängt. Die
Zuständigkeiten für die Versorgungsarbeit und die damit verbundenen
Kosten sind und bleiben weitgehend „privatisiert“ und müssen unbezahlt
und zusätzlich zur (weiblichen) Lohnarbeit im Rahmen der klassischen
Kleinfamilie verrichtet werden. Darauf zielen auch Initiativen ab, welche
die staatlichen Sozialleistungen im Care-Sektor kürzen möchten – und sich
dabei auch auf die aktuelle Krise berufen. Eine exemplarische Reprivatisierung ehemals öffentlicher Leistungen betrifft das Gesundheitswesen:
Da im Zuge des „New Public Management“ und der Einführung sogenannter Fallkostenpauschalen die Spitäler ihre PatientInnen so schnell wie
möglich entlassen möchten, wird eine ehemals öffentliche Aufgabe in die
private häusliche Sphäre (zurück-)verlagert: Das Weiterpflegen und das
Auskurieren sind meistens mit einer zusätzlichen Arbeitsbelastung der
Ehefrauen, Töchter, Mütter usw. verbunden. Reprivatisierung bedeutet hier
also konkret eine Zunahme unbezahlter Care-Arbeit und damit eine zusätzliche Indienstnahme von Frauen.
b) Entpolitisierend wirkt auch die zunehmende Ökonomisierung der Organisations- und Funktionsweise von Care-Arbeit, weil damit politische
Anliegen und Bedürfnisse der Frauenbewegung bezüglich der alltäglichen
Lebensführung der breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung entzogen
werden. Dies geschieht zum Beispiel durch die Anbindung an den Markt:
Care-Arbeit wird zunehmend kommerzialisiert und verwandelt sich zu
einer Ware, die man – je nach Kaufkraft – auf dem Dienstleistungsmarkt
„einkaufen“ kann. Versorgungslücken und Zeitnot im Haushalt werden
immer häufiger mit der Anstellung einer prekär beschäftigten und bezahlten Hausarbeiterin (z.B. Putzfrau) meist mit Migrationshintergrund kommt dieses „postfeministische Arrangement“ der Vermarktlichung
von Care-Arbeit entschärft in einigen gutverdienenden Haushalten das
„Vereinbarkeitsproblem“, die Doppelbelastung der Frauen und den Partnerschaftskonflikt über die innerhäusliche Arbeitsteilung. Gleichzeitig
etabliert sich aber eine neue alte geschlechtliche Arbeitsteilung, die alte
Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zementiert und neue Hierarchien zwischen Frauen entlang ethnischer und klassenspezifischer Trennungslinien schafft. Es verschränken sich mehrere Ungleichheitsdimensionen: Ethnizität/Nationalität, Klasse und Geschlecht, die die Lebensqualität der Individuen bestimmen. So ist die Lebenssituation einer kleinen
Schicht von Frauen mit hochqualifizierten und gutbezahlten Jobs nicht
vergleichbar mit jener einer migrantischen Putzfrau oder einer im Niedriglohnsektor beschäftigten alleinerziehenden Mutter. Letztere verfügen
nicht über die ökonomischen Ressourcen, Care-Arbeit an den „Markt“ zu
delegieren.
Eine weitere Art von Ökonomisierung zeigt sich in der Einführung von
Marktmechanismen und der Adaptierung von Management- und Effizienzprinzipien in der alltäglichen Lebensführung. Die klassische „Doppelbelastung“ wird in ein „Problem“ umgedeutet, das eines richtigen individuellen „Managements“ bedarf und durch Befolgung von Marktimperativen
lösbar wird. Exemplarisch lässt sich dies am Diskurs um die „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf aufzeigen: Die Rezepte neoliberaler Regierungsprogramme, von „Experten“ aus Unternehmerkreisen und auch von
einigen Gleichstellungsbüros bestehen aus individuellen Ratschlägen für
den „Balanceakt zwischen Arbeit und Familie“, der wiederum vor allem
den Frauen zugemutet wird.
Gefragt sind Eigenverantwortung, Selbstmanagement, „Fairplay at home“ und eine individuelle „Aushandlung“ mit
dem Partner/der Partnerin und dem Arbeitgeber. Wer es nicht schafft, alles
„unter einen Hut zu bringen“, soll sein/ihr „Zeitmanagement“ überprüfen.
Gesellschaftliche „Risiken“ wie Stress und Überlastung als Folge der
Unvereinbarkeit von Anforderungen der Erwerbssphäre und der privaten
Lebenswelt werden dadurch individualisiert und zu einer Frage des
Selbstmanagements erklärt.
Perspektive: Für eine neue Politisierung feministischer Bedürfnisse!
Die Diskussion um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist primär
eine Scheindebatte. Der Grundwiderspruch nicht gerecht verteilter, nicht
anerkannter und doch gesellschaftlich notwendiger Care-Arbeit bleibt
unaufgelöst. In der Praxis führt dies nicht zu einer emanzipatorischen
Veränderung der Geschlechterverhältnisse – vielmehr wird ein unbefriedigender Zustand festgeschrieben. Wo aber bleibt die Kritik von Seiten der
Frauenbewegung und der feministischen Wissenschaft?
Anders als in den 1970er Jahren, als Frauenbewegung und Geschlechterforschung eng verbunden waren und den Anspruch hatten, die Gesellschaft „von unten“ zu erforschen und emanzipatorische Perspektiven zu
eröffnen, ist heute die politische Relevanz von theoretischen Diskussionen
in den Gender Studies nicht immer erkennbar. Häufig wird sehr abstrakt,
ohne Bezug zum Alltag, eher apolitisch und damit dem postmodernen
Zeitgeist gemäss über „Gender“, Identität und Differenz diskutiert. Das
politische Subjekt „Frauen“ scheint abgeschafft zu sein und damit auch
der Anspruch auf eingreifendes Denken. Die Hausarbeit – einst Gegenstand
unzähliger Studien – wird heute an den Universitäten nur noch selten
analysiert. Gleichzeitig ist auch die Frauenbewegung, die diese Themen
weiterhin politisieren könnte, fast zum Stillstand gekommen. Die Strategien
eines Teils der noch verbleibenden Frauenbewegung richten orientieren
sich zwar weiterhin auf öffentliche Aufmerksamkeit, sie setzen aber vermehrt auf den Staat und gar auf „familienfreundliche“ Unternehmen als
möglichen Koalitionspartner zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit. Nicht mehr die Mobilisierung für frauenpolitische Projekte, Flugblattaktionen oder gezielte Verletzungen von Rechtsnormen, sondern Alltagsroutinen und behördlich-institutionell begrenzte Spielräume bestimmen
die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten. Feministische Interessen und
Bedürfnisse sind in der Praxis von Gender Mainstreaming zu verwaltbaren,
technischen, bürokratischen Anliegen geworden, deren formale Erledigung
an „Genderexpertinnen“, Kompetenzzentren und Institutionen wie die
Gleichstellungsbüros delegiert werden.
Dabei wäre die Beschäftigung mit Fragen der Ökonomie, der Verteilung
von Macht und Ressourcen für eine Weiterentwicklung der politischen
Inhalte und für die Ausarbeitung von Strategien unverzichtbar. Die unsichtbare Haus- und Betreuungsarbeit ist ein blinder Fleck in der Theorie und
Praxis, der neu ausgeleuchtet und mit der Analyse des widersprüchlichen
Zusammenhangs der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche ver
bunden werden muss. Gefordert ist eine feministische Kritik der Ökonomie,
die „das Gesamt von Arbeit und Wirtschaft – den Zusammenhang von
Produktion und Reproduktion, unbezahlter und bezahlter Arbeit, Markt
und Sorgeökonomie ins Zentrum stellt“ (Wichterich 2005, 5f.) und damit
die Einengung auf die „Marktökonomie“ aufhebt. Die Diskussionen um
die „Care-Ökonomie“, die auch in der Schweiz langsam anlaufen, weisen
in diese Richtung (vgl. z.B. die Gründung des WIDE-Netzwerkes in der
Schweiz, das im Juni 2009 in Basel eine internationale Konferenz unter
dem Titel „We Care!“ organisiert hat, www.wide-network.ch).
Die Care-Ökonomie darf nicht als „Frauen-Problem“ abgewertet werden, sondern ist als lebensnotwendige gesellschaftliche Aufgabe zu fassen
– als Produktion von „Lebensstandard“, als Voraussetzung für die menschliche Entwicklung und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit von
Frauen wie Männern. Denn die kollektive Betroffenheit durch „Zeitnot“,
Stress und Unvereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche ist enorm – nicht nur auf Seiten der Frauen: Zunehmend beginnen auch Männer, eine zu

einseitige Ausrichtung ihrer Lebensplanung auf berufliche Belange zu
hinterfragen und andere Aspekte des Lebens aufzuwerten. Es geht schliesslich für Männer wie für Frauen um die Frage: Wie wollen wir leben?
Diese Frage und das, was sich in den häuslichen vier Wänden abspielt, ist
nicht einfach eine Privatangelegenheit, sondern in hohem Masse beeinflusst
von den gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen, unter denen
die Einzelnen leben. Diese Rahmenbedingungen, die durchaus gestaltbar
sind, sollten wieder Gegenstand politischer Kritik und gesellschaftlicher
Auseinandersetzung werden.
Die grosse Herausforderung ist dabei, Strategien für den politischen
Alltag zu formulieren und handlungsfähig zu sein, zugleich aber nicht – wie
dies bei technokratischen Gleichstellungspolitiken zu häufig der Fall ist
– das Ziel einer anderen, emanzipierten Gesellschaft aus den Augen zu
verlieren. Eine feministische Politik ist nur überzeugend, wenn sie über
die gegenwärtig herrschende Gesellschaftsform hinausweist, sich also als
eine
transformative
Politik versteht. Für die politische Artikulation einer
„konkreten Utopie“, die sich von den Erfahrungen, praktischen Auseinandersetzungen und Bedürfnissen der Menschen leiten lässt, scheinen mir
drei Punkte zentral, die ich abschliessend kurz skizzieren möchte.
Eine neue „soziale Infrastruktur“ im Bereich Care
Zentraler Aspekt einer zeitgemässen feministischen Politik ist die Entwicklung einer „sozialen Infrastruktur“ ( vgl. Hirsch 2005), die ein vernünftiges
gesellschaftliches Leben für alle möglich macht. Es geht um den Ausbau
öffentlicher Güter und Dienstleistungen, die allen Menschen unentgeltlich
zur Verfügung stehen („service public“). Laut Joachim Hirsch muss „nicht
die Rettung oder Verbesserung des herkömmlichen Sozialstaats (…) zur
Debatte stehen, sondern die Möglichkeiten und Dimensionen einer neuen
und emanzipativeren Vergesellschaftungsweise“ (ebd.). Zentral ist dabei
eine demokratische, dezentrale Selbstorganisation jenseits von Markt- und
Profitlogik – eine Form von gesellschaftlicher Arbeit, die bedarfsnah und
von allen mitgestaltbar und beeinflussbar ist. Was diese soziale Infrastruktur umfassen soll, muss sich daran ausrichten, was der alltäglichen Lebensführung der Menschen dient. Zur Unterstützung einer Neuorganisation und
Umverteilung der bisher vorwiegend privatisierten Care-Arbeit ist sicher
ein massiver Ausbau von familienexterne Betreuungsangeboten zentral –
also eine flächendeckende Einrichtung von Krippen, Ganztagesschulen
und gemeinschaftlich organisierten Einrichtungen zur Unterstützung
pflegebedürftiger Menschen (z.B. eine genossenschaftlich organisierte
Spitex, die Pflege, Betreuung und Haushaltsdienste integriert und bedürfnisgerecht leistet). Selbstverständlich gehören dazu eine bessere Entlöhnung und die Entprekarisierung all dieser Dienstleistungen in der Care-
Ökonomie. Wichtig wäre auch eine Neugestaltung der Stadt- und Quartierplanung, die mehr Raum lässt für kollektive Formen des Zusammenlebens und für gesellschaftliche Selbstorganisation, als dies heute in den
isolierten Wohneinheiten und innerhalb der Kleinfamilie der Fall ist.
Ein neuer Arbeitsbegriff
Heute gilt eine spezifische Form von Arbeit als das Mass aller Dinge.
Hinsichtlich der Perspektive einer tatsächlich gleichberechtigten Gesellschaft muss der traditionelle Arbeitsbegriff erweitert werden (was die
Frauenbewegung seit den 1970er Jahren fordert!): Jede gesellschaftlich
nützliche Arbeit ist Arbeit, nicht nur die Lohnarbeit. Sowohl im Bereich
der aktuell bezahlt geleisteten Arbeit als auch im Bereich der aktuell unbezahlt geleisteten Arbeiten werden gesellschaftlich notwendige und
nützliche Tätigkeiten verrichtet. Durch dieses Verständnis von „Arbeit“
können Care-Tätigkeiten aus dem privaten familialen Bereich herausgelöst
erfasst und ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung deutlich gemacht
werden. Die Erweiterung des Arbeitsbegriffs und eine gesellschaftliche
Aufwertung von Care-Arbeit sind ein wichtiges Nahziel, reichen aber nicht.
Darüber hinaus geht es um eine Kritik an der Lohnförmigkeit und Fremdbestimmtheit auch der jetzt bezahlt geleisteten Arbeit und an der existenziellen Abhängigkeit vom gezahlten Lohn (vgl. dazu Notz 2004).
Eine neue Zeitpolitik
Das „Ringen um die Zeit“ ist neben der klassischen Lohnfrage eines der
zentralen Konfliktfelder in der kapitalistischen Gesellschaft. Herrschaft
manifestiert sich dabei als Verfügungsgewalt über (Lebens-)Zeit. Obwohl
wir aufgrund der Produktivitätssteigerung heute eigentlich viel weniger
Zeit benötigen als früher, um das „Überleben“ zu sichern, hat dies nicht
dazu geführt, dass die Lohnabhängigen über mehr freie Zeit jenseits der
Erwerbsarbeit verfügen. Eine Verkürzung der Erwerbsarbeit für alle und
damit verbunden eine Neuorganisation und Neuverteilung der Care-Arbeit
zwischen den Geschlechtern würde die Probleme dieser absurden Situation lösen. Dazu braucht es eine neue Zeitpolitik (vgl. auch Widerspruch
1998), eine Politik der sukzessiven Erwerbsarbeitszeitverkürzung mit dem
Ziel der Verallgemeinerung der heute noch sogenannten Teilzeitarbeit zu
einer neuen Normalität nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.
Teilzeitarbeit würde so den Status einer zweitklassigen Beschäftigung
verlieren (vgl. dazu die „Vier-in-einem-Perspektive“ von Frigga Haug
2008).
Auch dies ist keine neue Forderung, sie könnte aber die heute in
Sachzwängen verstrickte Vereinbarkeitsdebatte aufsprengen und neue
Horizonte eröffnen. Darin läge die Chance, die begrenzt vorhandene bezahlte und die im Überfluss vorhandene unbezahlt geleistete Arbeit auf
beide Geschlechter gleich zu verteilen und darüber hinaus Leben und
Arbeit vereinbar zu machen – indem der Gegensatz zwischen freier Zeit und Arbeitszeit relativiert und die Inkompatibilitäten von Arbeits- und

Lebenswelt überwunden werden könnten. Oder wie es Iris von Roten in
ihrem Buch „Frauen im Laufgitter“ vor bereits fünfzig Jahren vorschwebte:
„Die stark verkürzte Arbeitszeit (…) gewährt mehr Zeit für Familienleben,
Geselligkeit, Lesen, Sport und Liebhabereien“ (von Roten 1991, 222). Und
wie Nancy Fraser ein paar Jahrzehnte später formuliert: „Das Kunststück
besteht darin, die soziale Welt irgendwann so einzurichten, dass Bürgerinnen und Bürger das Geldverdienen, Betreuen, den Einsatz für die Gemeinschaft, politische Mitwirkung und gesellschaftliches Engagement
unter einen Hut bringen können – und möglichst noch Zeit für vergnügliche
Dinge haben“ (Fraser 2001, 103).
Anmerkungen
1
Tätigkeiten, deren Arbeitsgegenstand die menschliche Arbeitskraft und ihre Versorgung
sind (sogenannte „Reproduktionsarbeit“), werden im Folgenden im Anschluss an aktuelle
feministische Debatten zur Care-Ökonomie als „Care-Arbeit“ bezeichnet (vgl. Madörin
2006). Care kann unterschiedlich organisiert sein: unbezahlt in Haushalten (nicht-
marktförmig), staatlich/gemeinschaftlich (dekommodifiziert) oder als kommerzielle
Dienstleistungen (kommodifiziert).
2
Hintergrund dieser Datenerhebung ist das Interesse der Versicherungen an der Erfassung
des sogenannten „Haushaltschadens“ – ein Begriff aus dem Haftpflicht- und Versicherungsrecht, der Einschränkungen bei der Ausführung von unbezahlten Tätigkeiten wie
z.B. Hausarbeit und Kinderbetreuung bezeichnet, wofür finanzielle Ersatzforderungen
gestellt werden können. Dazu muss der notwendige Zeitaufwand für die Haus- und
Familienarbeit evaluiert werden.
3
Wie Regina Becker-Schmidt (2007, 258) zurecht kritisch anmerkt, ist die Grenze zwischen „Arbeit“ und „Leben“ für Frauen immer fliessend gewesen. Erwerbstätige Frauen
betreten beim Übergang von der Berufswelt in die Familie kein „Reich der Freiheit“.
4
Laut Schätzungen der Gewerkschaft Unia dürfte sich die Beschäftigung in privaten
Haushalten in der Schweiz in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt haben und
nach vorsichtigen Schätzungen um die 125’000 Vollzeitstellen umfassen (Unia 2007).
5
„Work-Life-Balance“ lautet die trendige Zauberformel, von der in der institutionalisierten
Politik, der Unternehmenspraxis und auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung
immer häufiger die Rede ist. In den letzten Jahren ist eine ganze Flut von Ratgebern auf
den Markt gekommen, die Hilfe bei der persönlichen „Gleichgewichtsübung“ zwischen
„Work“ und „Life“ versprechen. Die Gegenüberstellung von „Work“ als Erwerbsarbeit
und „Life“ als einer „arbeitsfreien“ Sphäre ist grundsätzlich fragwürdig: Denn gerade
für Frauen heisst „Life“ in erster Linie und vor allem nach wie vor viel „Work“!
Literatur
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