„Wenn sie nicht zahlen, gehen wir vor Gericht“

Unbenannt«Wir warten jetzt die Reaktion der Familie ab. Wenn sie nicht zahlen, gehen wir vor Gericht», kündigt Marianne Meyer von der Gewerkschaft VPOD an. Sie unterstützt Haushaltshilfen, die von ihren Arbeitgebern ausgebeutet werden. «Maria ist ein unglaublicher Fall von Lohndumping», sagt Meyer.

Die Rumänin hütete drei Kinder im Alter von sieben, fünf und einem Jahr, organisierte den Haushalt, kochte, putzte, bügelte und kaufte ein – sechs Tage die Woche, von 7.30 Uhr bis 20 Uhr. Ihre Schicht endete erst, wenn sie das Nachtessen abgeräumt hatte. So steht es im Arbeitsvertrag. Marias Lohn: 1200 Franken im Monat.

Wohnen musste sie im Keller der Villa im noblen Basler Bruderholzquartier. «Ich habe wie eine Sklavin gearbeitet», sagt sie zu SonntagsBlick. Vor sechs Wochen wurde ihr fristlos gekündigt. Weil sie mehr Lohn gefordert hatte. Sie bereitet jetzt eine Klage gegen die Familie vor, für deren Kinder sie doch jahrelang wie eine Mutter war.

Marias Fall gibt Einblick in eine boomende Branche, in der vieles im Verborgenen geschieht: den Markt der Kindermädchen. Zehntausende arbeiten bereits in privaten Schweizer Haushalten. Längst nicht mehr nur bei wohlhabenden Doppelverdienern.

Kindermädchen – auch Nannys genannt – sind auch in Mittel­klassefamilien keine Seltenheit. «Auch Eltern, die im Niedriglohnbereich arbeiten, stellen Nannys an, weil sie sich keine Krippe leisten können», sagt Annegret Wigger (59), Professorin an der Fachhochschule St.Gallen, die sich mit dem Thema Kindermädchen befasst.

Für Normalverdiener erschwinglich wird das dank Migrantinnen aus dem Osten, die zu Dumpinglöhnen arbeiten – wie Maria aus Rumänien. Oder durch Sans-Papiers, die billig ihre Dienste anbieten (siehe Artikel rechts). Für gestresste Eltern ist die Lösung perfekt. Nicht nur, weil es zu wenige Krippenplätze gibt, sondern auch, weil eine  Nanny flexibler ist und auch mal Überstunden machen kann, wenn es für die Eltern im Büro später wird.

Agenturen und Internet-Vermittlungsportale haben Hochkonjunktur. Tausende Kindermädchen aus Osteuropa bieten dort ihre Arbeitskraft an.

Auch Maria fand ihre Stelle damals im Internet. Ihre beiden ­eigenen Kinder sind erwachsen und leben in Rumänien. Da sie von ihrem Mann getrennt lebt, suchte sie Arbeit in der Schweiz. Und fand die wohlhabende Familie, wo Mutter und Vater in Kaderpositionen bei einer grossen Basler Firma arbeiten.

«Ich mochte die Kinder und vermisse sie sehr», sagt Maria und wischt sich eine Träne aus dem Auge. «Ich war da, als der Kleinste seine ersten Schritte machte.» Man habe ihr zwar gesagt, sie gehöre zur Familie, sagt Maria. «Aber der Umgang war sehr kühl.»

Die Mutter der Kinder kommunizierte vor allem über Zettel mit ihr. Darauf stand, was sie einkaufen sollte und welche Termine die Kinder hatten.

Nach der Arbeit zog sich Maria in ihr Kellerzimmer zurück. Dort hatte sie nicht einmal Handy-Empfang. «Ich war völlig isoliert», sagt Maria. «Irgendwann hielt ich es körperlich und psychisch nicht mehr aus. Ich war so erschöpft. Und das Geld war immer knapp.»

Erst nach mehr als zwei Jahren bei der Familie suchte Maria Kontakt zu anderen Frauen aus Osteuropa. «Da habe ich realisiert, wie wenig ich verdiene und wie schlecht meine Situation ist.»

Maria wollte sich das nicht länger gefallen lassen. Sie liess sich bei der Gewerkschaft VPOD beraten, suchte das Gespräch mit «ihrer» Familie und verlangte einen besseren Lohn. Doch ihre Arbeitgeber zeigten kein Verständnis und rechneten ihr stattdessen vor, warum sie nur 1200 Franken verdiene. Danach redeten sie nicht mehr mit Maria. Noch schlimmer: Bei der nächsten Auszahlung bekam Maria nur 224 Franken Lohn.

Verzweifelt bat Maria die Gewerkschaft, mit der Familie zu sprechen. Unmittelbar nach dem Anruf erhielt das Kindermädchen die fristlose Kündigung. Maria musste noch am gleichen Abend ausziehen. «Ich durfte mich nicht einmal von den Kindern verabschieden», sagt sie traurig. «Sie haben mich gedemütigt.»

Diese Woche schickte die Gewerkschaft einen eingeschrieben Brief an Marias ehemalige Arbeitgeber. Total Fr. 89448.55 fordert sie für Maria zurück: entgangener Lohn, nicht gewährte Ferien, Überstunden und fehlende Pensionskassenbeiträge.

«Wir warten jetzt die Reaktion der Familie ab. Wenn sie nicht zahlen, gehen wir vor Gericht», kündigt Marianne Meyer von der Gewerkschaft VPOD an. Sie unterstützt Haushaltshilfen, die von ihren Arbeitgebern ausgebeutet werden. «Maria ist ein unglaublicher Fall von Lohndumping», sagt Meyer.

Maria hofft nun, dass sie in der Schweiz wieder ­einen Job findet. Dieses Mal in der Altenpflege. «Ich würde es nicht verkraften, Kinder nochmals so ins Herz zu schliessen – und sie wieder zu verlieren.»

So wie Maria geht es vielen!

Hier gehts zum Artikel im Sonntagsblick vom 7. Juli 2013