Wenn Frauen aus Osteuropa unsere Betgaten pflegen

sozialemedizinBeitrag in: Soziale Medizin, 2. Juni 2013

Zurzeit richtet sich das öffentliche Interesse auf  Frauen aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die in schweizerischen Privathaushalten alte Menschen pflegen. Die Zeitschrift Soziale Medizin hat sich damit bereits anfangs 2010 ausführlich auseinandergesetzt. Hier das grosse Interview mit Angeline Fankhauser und Sarah Schilliger aus Soziale Medizin 1.10.  Vorweg ein paar Kernaussagen unserer Gesprächspartnerinnen:

„Wieso sollen alte Menschen nicht die Dienste von Migrantinnen in Anspruch nehmen dürfen, wenn man den Landwirten das Recht auf Saisonarbeiter zugesteht. Auch ich heisse die Pflege in privaten Haushalten nur unter der Bedingung gut, dass gewisse Arbeits- und Lohnbedingungen gewährleistet sind. Man muss diese Form der Pflege aus der heutigen Grauzone befreien. (Fankhauser)

„Wenn sich die Frauen beklagen, dann weniger über den tiefen Lohn, sondern vielmehr über die fehlende Privatsphäre, die Isolation und die grosse Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet. (Schilliger)

 Gesprächspartnerinnen (Originalangaben von Januar 2010): 

  • Angeline Fankhauser, geb. 1936, Co-Präsidentin der Grauen Panther beider Basel und ehemalige Co-Präsidentin der VASOS (Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfe-Organisationen der Schweiz), ehemalige Zentralsekretärin des Schweizerischen ArbeiterInnenhilfswerkes und Präsidentin der Schweizerische Flüchtlingshilfe. SP-Nationalrätin von 1983 – 1999. 
  • Sarah Schilliger, geb. 1979, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Zürich. Sie ist Assistentin am Lehrstuhl für Soziologie von Ueli Mäder (Universität Basel) und forscht im Rahmen ihrer Dissertation zur Pendel-Migration von Care-Arbeiterinnen aus Osteuropa in die Schweiz.
Gesprächsleitung und redaktionelle Bearbeitung: Ruedi Spöndlin

Ruedi Spöndlin: Wie die Forschungen von Sarah Schilliger zeigen, leben in schweizerischen Privathaushalten zahlreiche Frauen aus Billiglohnländern und pflegen alte Menschen. Angeline Fankhauser, bist du dieser Form von Alterspflege auch schon begegnet?

Angeline Fankhauser: Ich weiss davon, habe aber keine genauen Informationen. Zahlen dazu gibt es nicht. Tatsache ist, dass viele alte Menschen Angst vor der Entmündigung haben, die mit einem Eintritt in ein Heim oder eine andere Institution verbunden ist. Deshalb entspricht private Pflege zu Hause einem grossen Bedürfnis. Wenn sich die Betroffenen diese nicht selber organisieren können, tun das die Angehörigen. An einer Tagung fragte kürzlich jemand: Wer hat für seine Eltern eine derartige Lösung organisiert? Da sind fast alle Tagungsteilnehmenden aufgestanden.  Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn ich mich im persönlichen und politischen Umfeld umhöre, etwa bei Parteigenossen aus der SP. Da höre ich oft: „Weisst du, wir haben eine patente Frau aus Polen, welche meinen betagten Vater oder meine Mutter pflegt“.

Sarah Schilliger: Ich denke, hier spielt auch ein starkes Pflichtgefühl der Familienangehörigen mit, das für die Schweiz – ein Land, das sich bei der Pflege und Betreuungsarbeit auf ein sehr traditionelles, stark familialistisches Modell stützt – typisch ist. Die Angehörigen fühlen sich moralisch verpflichtet, ihren betagten Eltern oder Grosseltern einen Aufenthalt im Alters- oder Pflegeheim zu ersparen, und suchen dann eine private Lösung. Ausschlaggebend dafür ist auch die weit verbreitete Befürchtung vor der Entmündigung in den Heimen.

Fankhauser: Ausschlaggebend muss der Wille der Betroffenen sein, wir alten Menschen sind nicht Eigentum unserer Angehörigen. In Wirklichkeit wissen die meisten alten Menschen ihren Willen auch durchzusetzen. Eine Tatsache ist allerdings, dass die Angehörigen alter Menschen heute meistens berufstätig sind. Die Töchter stehen heute im Erwerbsleben und haben nicht mehr im gleichen Mass wie früher Zeit, ihre betagten Eltern zu pflegen.

Schilliger: Die Veränderung der Familienformen ist zweifellos ein ganz entscheidender Faktor. Dadurch stösst das informelle Pflegepotenzial in der Familie immer mehr an Grenzen. Einerseits die Tatsache, dass es kaum mehr Drei-Generationen-Haushalte gibt: 1970 lebten noch 20 Prozent in dieser Form, im Jahr 2000 nur noch 3 Prozent. Anderseits die erhöhte Erwerbstätigkeit der Frauen. Die Erwerbsarbeitsquote der Frauen ist in der Schweiz in den letzten 40 Jahren von rund 30 auf über 70 Prozent gestiegen. Für viele Frauen mittleren Alters – vor allem Partnerinnen, Töchter und Schwiegertöchter – zeigt sich immer häufiger ein zweiter Vereinbarkeitskonflikt: Nach der Erziehungssituation rutschen sie in die Pflegesituation und erfahren eine Doppelbelastung von eigener Erwerbsarbeit und Pflege von Angehörigen.

Fankhauser: Ein weiteres Problem sind die räumlichen Distanzen zwischen Angehörigen. Unsere Gesellschaft ist mobil geworden. Alte Menschen können nicht mehr darauf zählen, dass ihre Kinder und Grosskinder in der Nähe wohnen. Häufig leben diese in einer anderen Region der Schweiz oder beispielsweise in Deutschland oder sogar in Neuseeland.

Schilliger: Dazu kommt, dass man weniger Kinder hat als früher. Heute müssen sich häufig nur ein oder zwei erwachsene Kinder die Betreuung der betagten Eltern teilen, während es früher beispielsweise vier oder fünf waren.

Fankhauser: Die Kinder sind häufig selbst schon recht alt, wenn ihre Eltern pflegebedürftig werden. Nicht selten ist die Tochter einer pflegebedürftigen, über neunzigjährigen Frau selbst schon über siebzig. Da sind ihre Kräfte begrenzt.

Spöndlin: Ist die private Pflege zu Hause somit eine Folge der modernen Lebensformen?

Fankhauser: Private Pflege zu Hause ist nichts Neues. In vielen Haushalten gab es früher einmal Mägde oder Dienstmädchen, die bei der Pflege alter Menschen mithelfen konnten. Für den Mittelstand wurde das im Verlaufe der Zeit dann zu teuer. Alters- und Pflegeheime öffneten sich für die Mittelschicht und sind nicht mehr nur den Armen vorbehalten. Dadurch gab es eine klare Verbesserung des Komforts. Heute nun sind diese Heime für viele Menschen wieder zu teuer. Deshalb suchen sie private Lösungen, die dank der Migration wieder günstiger sind.

Spöndlin: Ist diese Art von Migration problematisch?

Fankhauser: Wieso sollen alte Menschen nicht die Dienste von Migrantinnen in Anspruch nehmen dürfen, wenn man den Landwirten das Recht auf Saisonarbeiter zugesteht. Verhindern lässt sich das nicht, auch wenn es den Gewerkschaften missfällt. Die Gewerkschaften sollten sich vielmehr überlegen, wie man den Pflegerinnen aus dem Ausland einen Mindestlohn, soziale Sicherheit und geregelte Arbeitsbedingungen sichern kann. Ein erster Ansatz dazu ist der Normalarbeitsvertrag für Hauspersonal, der sich zurzeit in einem Vernehmlassungsverfahren befindet. Auch ich heisse die Pflege in privaten Haushalten nur unter der Bedingung gut, dass gewisse Arbeits- und Lohnbedingungen gewährleistet sind. Man muss diese Form der Pflege aus der heutigen Grauzone befreien.

Schilliger: Problematisch an den Arbeitsbedingungen von Pflegerinnen in Privathaushalten ist unter anderem, dass diese meistens 24 Stunden pro Tag zur Verfügung stehen müssen. Sie leben im Haushalt der pflegebedürftigen Person, eine geregelte Arbeitszeit gibt es nicht, Freizeit ist nahezu unbekannt. Viele der Frauen haben zu wenig Schlaf. Auch eine Privatsphäre können die Pflegerinnen weitgehend vergessen. Es handelt sich um ein ähnliches Verhältnis wie bei Au-Pairs, die als „Teil der Familie“ und nicht als eigentliche Arbeitnehmerinnen gelten. Man spricht ja neuerdings auch von Senio-Pairs. Im Gegensatz zu den Senio-Pairs gibt es für Au-Pairs aber ein klares Au-Pair-Reglement, das die Arbeitszeit auf höchsten 5 Stunden täglich festschreibt, das den Anspruch auf Freizeit und auf Sprachkurse regelt – auch wenn dies bei Au-Pairs bekanntlicherweise häufig auch nicht eingehalten wird.

Fankhauser: Im Bereich der privaten Pflege bestehen ein Angebot und eine Nachfrage. Es gibt in anderen Ländern Menschen, vor allem Frauen, die Geld verdienen und dazu auswandern müssen. Da ist es besser, sie können in einem Privathaushalt als Pflegerin tätig sein, als sich in einem Bordell zu verkaufen. Letzteres kommt ja auch vor: Frauen aus armen Ländern, die sich bei uns als Prostituierte oder Striptease-Tänzerinnen anbieten müssen. Widersinning ist, dass unsere Gesetze die Tätigkeit im Sexgewerbe eher regeln als die private Pflege.

Spöndlin: Würden die Frauen, die als Pflegerinnen in schweizerische Privathaushalte kommen, mangels einer Alternative auch im Sexgewerbe arbeiten?

Schilliger: Nein, denn diese Pflegerinnen kommen aus sehr katholischen Ländern wie Polen. Ich denke nicht, das sie im Sexgewerbe arbeiten würden. Die meisten dieser Frauen sind mittleren Alters, so ab 45, zum Teil sind sie schon Grossmütter. In Polen finden sie wegen der hohen Arbeitslosigkeit keine Anstellung, und wenn, dann nur eine schlecht bezahlte. Viele sind gut ausgebildet, nicht selten handelt es sich um Akademikerinnen. Ihre Diplome sind im Westen aber nicht gefragt und häufig nicht anerkannt. Hintergrund ihrer Arbeitssuche in der Schweiz ist oft, dass sie ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen möchten und dafür auf finanzielle Mittel angewiesen sind.

Spöndlin: Frauen aus Polen haben neuerdings Anspruch auf die Personenfreizügigkeit innerhalb der EU, auch in der Schweiz. Sie dürfen sich also legal hier aufhalten. Frauen beispielsweise aus Lateinamerika, der Ukraine oder Südostasien sind aber oft illegal da. Hat der ausländerrechtliche Status Einfluss auf die Arbeitsbedingungen?

Fankhauser: Ich spreche nicht gerne von illegalen Menschen, das ist so abwertend. Ich sage lieber ‚sans-papiers’.

Schilliger: Erst das Gesetz macht diese Menschen zu Illegalen. Man sollte eher von illegalisierten Menschen sprechen. Sans-Papiers sind tatsächlich am meisten verwundbar, da sie hier praktische keine Rechte haben und die persönliche Abhängigkeit von der Arbeitgeber-Familie enorm hoch ist. Die Frauen aus Polen haben nun durch die EU-Osterweiterung ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Rechtlich gesehen sind sie zum Teil Angestellte einer polnischen Agentur und arbeiten gestützt auf die EU-Entsenderichtlinie. Sie gelten als entsandte Arbeitnehmerinnen (sog. Leiharbeit). Andere haben den Status von selbständig Erwerbenden, die durch eine Agentur aus Polen vermittelt werden. In Wirklichkeit handelt es sich wohl häufig um eine irreguläre Form von „Schein-Selbständigkeit“, da ja nur ein einzelner Arbeitgeber vorhanden ist, von dem die anscheinend Selbständige voll abhängig ist. Der rechtliche Status ist meistens nicht ganz klar, die betroffenen Frauen bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Häufig verfügen sie für die Schweiz über keine Krankenversicherung. Sie können es sich also keinesfalls „leisten“, in der Schweiz krank zu werden. Wenn schon, bezahlen sie ihre Sozialversicherungsbeiträge in Polen. Eine professionelle Anlaufstelle, an die sie sich bei Schwierigkeiten mit ihren Arbeitsbedingungen wenden könnten, gibt es nicht.

Fankhauser: Daneben leben und arbeiten zweifellos zehntausende bis über hundertausend ‚sans-papiers’ von ausserhalb der EU in der Schweiz, welchen das Gesetz kein Aufenthaltsrecht zugesteht. Man hat sie aber jahrelang geduldet, weil gewisse Arbeiten sonst nicht erledigt würden, gerade in Privathaushalten. ‚Sans-papiers’ haben natürlich keinen Versicherungsschutz in der Schweiz, auch wenn sie theoretisch einer Krankenkasse beitreten könnten. Und damit ist es für sie auch fast unmöglich, eine medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Wenn sie nach Jahren von den Behörden entdeckt werden, werden sie meistens verhaftet und ausgeschafft. Wie schon gesagt, habe ich nichts gegen  Arbeitsverhältnisse in Privathaushalten, trete aber dafür ein, dass man sie regelt und den Arbeitnehmerschutz verwirklicht. Man müsste den betreffenden Frauen auch eine gewisse Aus- und Weiterbildung ermöglichen. Dazu muss man zuerst darüber reden. Derartige Beschäftigungsverhältnisse dürfen nicht länger ein Tabu sein.

Ebenfalls stört mich, dass man Computerspezialisten, Hotelpersonal und sogar Sexarbeiterinnen aus dem Ausland legal in der Schweiz beschäftigen kann, private Pflegerinnen aber nicht oder – wenn sie aus einem EU-Land wie Polen stammen – nur unter unklaren und schwierigen Bedingungen. Das passt zu einer Politik, die alte Menschen entmündigt. Unsere Einwanderungsgesetze tragen den Bedürfnissen aller möglichen Wirtschaftsbranchen Rechnung, nur nicht dem Bedürfnis alter Menschen, sich zu Hause pflegen zu lassen, statt in ein Heim einzutreten.

Schilliger: Beide Seiten – sowohl die Pflegebedürfitgen, die eine Person im Privathaushalt beschäftigen, als auch die Arbeitnehmerinnen – sind ja an guten Arbeitsbedingungen interessiert. Denn je prekärer die Arbeitsverhältnisse sind, desto weniger ist auch die Qualität der Pflege und Betreuung gewährleistet.

Spöndlin: Ist es nicht so, dass Arbeitnehmerinnen in privaten Haushalten meistens relativ fair behandelt werden? Denn sie stehen ja in einer persönlichen Beziehung zu ihrer Arbeitgeberschaft. Diese wird ihr in der Regel mit Wertschätzung begegnen und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig bezahlen und behandeln.

Fankhauser: In einem privaten Anstellungsverhältnis besteht meistens tatsächlich eine gegenseitige Wertschätzung. Trotzdem sind meines Erachtens ein festgelegter Mindestlohn und geregelte Arbeitsbedingungen unerlässlich, die beispielsweise einen Mindestanspruch auf Freizeit, genügend Schlaf, Privatsphäre, ein eigenes Zimmer usw. umfassen. Nebst der Pflege im privaten Einzel-Anstellungsverhältnis gibt es auch so genannte Homecare-Unternehmen, eine Art privater Spitex. Dort herrschen hoffentlich reguläre Arbeitsbedingungen, auch wenn die Löhne wohl niedrig sind. Manchmal leisten die Krankenkassen sogar einen Anteil an die Kosten eines Homecare-Instituts, was bei einer Einzelanstellung nie der Fall ist. Die Beiträge der öffentlichen Hand und der Sozialversicherungen an die Pflege zu Hause stehen jedoch in einem krassen Missverhältnis zu dem öffentlichen Geld, dass in Prunkbauten für Alters- und Pflegeheime investiert wird. Investiert wird im Bereich der Altersbetreuung vor allem in Bauten und weniger in menschliche Beziehungen.

Spöndlin: Ist das Leben in einem Alters- und Pflegeheim tatsächlich so unangenehm?

Fankhauser: Bezeichnenderweise sind es vorwiegend Männer die solche Heime planen und über die entsprechenden Investitionen entscheiden. Bewohnt werden diese aber überwiegend von Frauen. Die Betriebskonzepte der Heime orientieren sich meistens an den Bedürfnissen der Pflege, obwohl es sich um das Zuhause der Bewohnerinnen und Bewohner handeln sollte. Da findet um halb sechs Uhr das Nachtessen statt und eine Stunde später sind alle in ihrem Zimmer. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden oft fast wie Kinder behandelt. Man versucht sie mit lächerlichen Bastelarbeiten zu erfreuen. Das wäre nichts für mich. Zudem sind Alters- und Pflegeheime eine „Geldmaschine“. Die Tarife werden so festgelegt, dass die Kosten gedeckt sind. Sie sind extrem teuer. Wenn jemand nicht selber dafür aufkommen kann, zahlt die öffentliche Hand über die Ergänzungsleistungen. Die Bewohnerinnen und Bewohner treten meistens unfreiwillig ein und haben keine Wahl. Die Nachfrage ist also garantiert, ohne dass man die Bedürfnisse der Kundschaft sehr ernst nehmen müsste. Zwar ist im Heim für alle Bedürfnisse gesorgt. Aber es fehlt die Privatsphäre und die Autonomie.

Schilliger: Wäre denn das Modell, im Alter mit anderen Menschen zusammen zu leben, nicht unterstützenswert? In Zürich wird zurzeit beispielsweise eine Überbauung geplant, bei der man über die Integration von älteren, vielleicht auch pflegebedürftigen Menschen in Mehrgenerationen-WGs diskutiert. Solange sie noch rüstig sind und Lust dazu haben, engagieren sich RentnerInnen in der Betreuung von Kindern im Grosshaushalt. Wenn sie nicht mehr so mobil sind, können sie im Alltag auf die Unterstützung durch jüngere WG-MitbewohnerInnen zählen…

Fankhauser: Ich habe doch keine Lust, mich im Alter mit wildfremden Menschen zusammen zu finden und eine Wohngemeinschaft zu organisieren. Im Alter gewinnen die Gewohnheiten und „Marotten“ an Bedeutung. Ich habe ja meine Familie, wohne allein und koche gerne. Aber ich will das kochen, worauf ich Lust habe, und nicht in der WG darüber diskutieren, ob morgen Lauch und übermorgen Rüebli aufgetischt werden sollen. In einer WG gibt es auch keine richtige Privatsphäre. Wenn das Bedürfnis nach Privatsphäre nicht so gross wäre, gäbe es keine so grosse Nachfrage nach den Dienstleistungen von Homecare-Instituten und privaten Pflegerinnen. Was ich mir vorstellen kann, wären Pflegegemeinschaften. Mehrere pflegebedürfige Menschen leben in einem eigenen Haushalt in unmittelbarer Nähe zueinander. Und es steht ein Pflegeteam bereit, das bei allen vorbeischaut. Die Alterswohnungen, die man einmal in grosser Zahl gebaut hat, umfassen in der Regel kein solches Pflegeangebot. Deshalb sind sie für alte Menschen auch nur von beschränktem Nutzen.

Spöndlin: Ist die Privatsphäre nicht auch in Frage gestellt, wenn man im Privathaushalt rund um die Uhr eine Pflegerin um sich herum hat, die sich ausschliesslich um einen allein kümmert? Im Heim widmen einem die Pflegerinnen hingegen nicht pausenlos ihre Aufmerksamkeit. Zwischendurch wenden sie sich auch jemand anderem zu.

Fankhauser: Wenn ich mich im Privathaushalt pflegen lasse, wähle ich die Pflegerin aus. Im Heim hingegen wechseln die Pflegenden ständig und ich habe keinen Einfluss auf ihre Auswahl. In Einzelfällen kann es aber vorkommen, dass eine Pflegerin den ihr anvertrauten Menschen bedrängt oder sogar tätlich wird gegen ihn. Die einsamen Arbeitsbedingungen und die häufige Überforderung begünstigen solche Vorfälle.  Auch schon vorgekommen sein soll es, dass eine Pflegerin zusammen mit Komplizen den ganzen Hausrat gestohlen und abtransportiert hat. Das sind aber sicher seltene Einzelfälle. Trotzdem brauchen auch in diesem Fall alte Menschen Schutz.

Spöndlin: Kommt es nicht auch vor, dass jemand eine Pflegerin im Testament begünstigt?

Fankhauser: Das ist eine heisse Sache. Denn in solchen Fällen werden die Angehörigen das Testament in der Regel anfechten.

Schilliger: Von einer Begünstigung im Testament habe ich noch nie gehört.

Fankhauser: Was vorkommt, ist, dass die betreuten Menschen der Pflegerin aus dem Ausland grosse Geschenke machen. Sie übergeben ihr beispielsweise ein wertvolles Schmuckstück und sagen, dass solle die Pflegerin haben, nicht die Tochter.

Schilliger: Pflegerinnen im Privathaushalt sind häufig gut in die Familie der pflegebedürftigen Person integriert und werden schon fast als Mitglied der Familie betrachtet. Diese quasi-familiäre Beziehung macht es für die Angestellten natürlich umso schwieriger, sich abzugrenzen.

Spöndlin: Als was sehen sich die Frauen selber, die beispielsweise aus Polen in Schweizer Privathaushalte kommen, um einen alten Menschen zu pflegen? Fühlen Sie sich ausgebeutet?

Schilliger: Das ist unterschiedlich. Einige würden sich selber nicht als Arbeits-Migrantinnen bezeichnen. Sie sehen ihre Tätigkeit nicht als eigentlichen Beruf oder Arbeit, sondern sagen, sie seien hier in der Schweiz „zu Besuch“. Sie sind in ihrem Selbstverständnis eine Hilfe oder Unterstützung für die Familie der zu pflegenden Person. Eine Pflegerin aus Polen hat mir zum Beispiel erzählt, ihre eigene Mutter sei früh gestoben. Sie sehe die Frau, die sie in der Schweiz pflege, als eine Art Ersatzmutter und wolle sie bis in den Tod begleiten. Diese Frau bezieht sich auf eine konstruierte Wahlverwandtschaft und erlebt in ihrer Tätigkeit offensichtlich eine gewisse emotionale Befriedigung.

Andererseits kam in den Gesprächen hervor, dass die Frauen natürlich vor allem aufgrund ökonomischer Zwänge hier sind. Und sie sind sich sehr wohl bewusst, dass sie zu einem viel geringern Lohn als die Schweizerinnen und Schweizer arbeiten. Die Pflege- und Betreuungsarbeit in der Schweiz ist für sie eine Art Überlebenssicherungsstrategie. Die meisten Pflegerinnen aus Polen betreiben Pendelmigration – ein selbstorganisiertes Rotationsprinzip: Sie halten sich drei Monate in der Schweiz auf und kehren dann wieder für drei Monate in ihre Heimat zurück. Dann kommen sie wieder. In diesem Rhythmus wechseln sie sich mit einer Kollegin ab. Die Tatsache, dass die Lebenskosten in Polen merklich tiefer sind und ihr karger Lohn in Schweizerfranken dann im Herkunftsland doch einiges wert ist, ermöglicht es den Frauen, das Leben im eigenen Land fortzuführen. Sie betreiben eine Art von „Lebenspraxis der zwei Standbeine“.

Wenn sich die Frauen beklagen, dann weniger über den tiefen Lohn, sondern vielmehr über die fehlende Privatsphäre, die Isolation und die grosse Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet. So müssen sie beispielsweise die Pflege eines demenzkranken Menschen übernehmen, ohne dass sie fachkundige Unterstützung hätten.

Spöndlin: Haben die Frauen, die in die Schweiz kommen um alte Menschen zu pflegen, in ihrer Heimat nicht auch Angehörige, um die sich jemand kümmern sollte.

Schilliger: Das ist richtig. Das Heimweh und die Trennung von der eigenen Familie ist für viele dieser Frauen ein Problem. So erzählten mir Frauen, sie hätten ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren eigenen Kindern, Grosskindern oder Eltern/Schwiegereltern. Sie empfinden gegenüber ihrer Herkunftsfamilie eine starke Loyalität. In ihrer Heimat hinterlassen sie tatsächlich auch eine Art „Betreuungslücke“. Diese Lücke wird in Polen teilweise überbrückt durch die Rekrutierung von Frauen aus der Ukraine. So entsteht eine globale Betreuungskette, die sich um den ganzen Globus spannt!

Spöndlin: Gibt es Anlaufstellen für Pflegerinnen aus Polen, wo sie sich treffen und Rat holen können?

Schilliger: Der einzige mir bekannte Treffpunkt für die Frauen aus Polen ist die polnische katholische Kirche. In Zürich und Basel gibt es beispielsweise jeden Sonntag eine polnische Messe. Dort treffen sich die Frauen und geben sich bei Bedarf Tipps. Die Kirche ist für viele Migrations-Communities eine wichtige Drehscheibe, auch für Latinas. Für die Sans-Papiers gibt es die Sans-Papiers-Anlaufstelle, die aber nicht allen Betroffenen bekannt ist.

Fankhauser: Meines Erachtens handelt es sich um ähnliche Arbeitsverhältnisse wie bei den Nannys, die Kinder hüten. Auch ich war als Nanny tätig. Dort gab es wenig  Privatsphäre. Aber ich war in die Familie integriert  und hatte die mir anvertrauten Kinder gern, ich wäre für sie durchs Feuer gegangen. Die Migration bringt zweifellos viele Probleme mit sich, die wir nicht alle so bald lösen können. Ich denke jedenfalls, es ist für eine polnische Frau angenehmer, als Pflegerin in einem Privathaushalt zu arbeiten, statt sich als Erdbeerpflückerin in der Landwirtschaft zu verdingen. Vom Sexgewerbe wollen wir schon gar nicht reden. Pflege ist etwas Schönes, sie ermöglicht menschliche Beziehungen. Ich möchte aber nochmals betonen: Unabdingbar sind ein fairer und geregelter Mindestlohn, Privatsphäre und geregelte Freizeit, ein Ablöseplan, Sozialversicherungen sowie fachlicher Austausch und Unterstützung. Ich habe von einer Erfahrung der Pro Senectute im Kanton Solothurn gehört und betrachte es als gute Lösung: Sobald jemand pflegebedürftig wird, findet eine Pflegekonferenz statt. An dieser werden die Rollen von  Hausarzt oder Hausärztin, Spitex, Angehörige sowie alle andern Beteiligten Homecare-Mirbeiterinnen oder private Pflegerinnen festgelegt. Von dieser Konferenz wird ein Protokoll erstellt und es finden periodisch Folgekonferenzen statt, an welchen man das Erreichen der Ziele bespricht. In diesem Rahmen könnte auch eine private Pflegerin die nötige Unterstützung finden.

Spöndlin: Wie viel muss man einer privaten Pflegerin aus Polen bezahlen?

Schilliger: Üblich sind 1’800 – 2’500 Franken pro Monat plus Kost und Logis. Falls die Person über eine Agentur rekrutiert wird, werden zudem Vermittlungsgebühren erhoben.

Spöndlin: Und wieviel kosten die Dienste eines Homecare-Unternehmens?

Schilliger: Bei einer 24h-Rundumbetreuung gibt es nichts unter 7’500 Franken pro Monat. Home-Care-Unternehmen wie „Home Instead“ verlangen für ihre Dienstleistungen zwischen 27 und 42 Franken pro Stunde.

Spöndlin: Wären die Dienstleistungen privater Pflegerinnen aus Polen überhaupt noch gefragt, wenn diese Arbeitsverhältnisse geregelt würden, mit Mindestlohn, Freizeit usw?

Fankhauser: Die Dienstleistung würde sicher teurer, wäre aber immer noch konkurrenzfähig. Vergegenwärtigen wir uns nur, was ein Alters- und Pflegeheim kostet.

Spöndlin: Gibt es nicht auch den umgekehrten Fall, dass pflegebedürftige Schweizerinnen und Schweizer z.B. nach Thailand reisen und sich dort pflegen lassen?

Fankhauser: Das kommt vor. Jede und jeder einzelne soll die Freiheit haben, auszuwandern, auch im hohen Alter.

Schilliger: Gehen die Betreffenden tatsächlich freiwillig nach Thailand?

Fankhauser: Die gehen doch  freiwillig. Jemanden zur Auswanderung zu zwingen, ist kaum möglich. Sehr oft sind es Männer, die Thailand schon kennen. Für ihre Angehörigen kann es schwierig sein, dass sie plötzlich soweit weg sind. Ich habe auch schon gehört, dass die mitreisenden Ehefrauen in Thailand nicht glücklich waren. Manchmal kommen die Betreffenden dann wieder zurück, wenn sie eine Operation benötigen und feststellen, dass sie in Thailand über keine Krankenversicherung verfügen. Was Thailand im Alter so attraktiv macht, weiss ich nicht. Oft heisst es, das warme Klima. Selbstverständlich ist das Leben dort auch billig. Auch mit einer kleinen Rente kann man relativ gut leben und sich betreuen lassen.

Spöndlin: Ich denke, wir müssen langsam zum Schluss kommen. Was ist euer Fazit zu diesem Thema?

Schilliger: Die Pflege alter Menschen durch Migrantinnen im Privathaushalt darf kein Tabu mehr sein darf. Es braucht dringend eine Regulierung des Arbeitsplatzes Privathaushalt, damit sich die Arbeitsbedingungen verbessern können.  In einer längerfristigen Perspektive führt meines Erachtens nichts daran vorbei, dass mehr öffentliche Mittel für die Spitex zur Verfügung gestellt werden, damit diese als echter, bedürfnisorientierter service public funktionieren kann und von dem Spar- und Rationalisierungszwang befreit wird, unter dem sie heute steht. Zurzeit passiert leider genau das Gegenteil. Durch die laufenden Reformen – u.a. die Neuordnung der Pflegefinanzierung – müssen die BenutzerInnen der Spitex höhere Selbstbehalte tragen, was dazu führt, dass der prekäre Arbeitmarkt für migrantische Pflege- und Betreuungskräfte und das Angebot von teilweise dubiosen Vermittlungsagenturen weiter boomen wird (vgl. Thomas Wahlster in Soziale Medizin 4.09 S. 21 ff).

Fankhauser: Die private Pflege im eigenen Haushalt wird an Bedeutung gewinnen. Sie ist aber nur für den Mittelstand erschwinglich. In den Alters- und Pflegeheimen wird deshalb der Anteil ärmerer Menschen zunehmen. Die Altersheime werden tendenziell, wie früher, Einrichtungen für ärmere Menschen werden. Wir müssen aber alles daran setzen, dass die Qualität in den Heimen trotzdem hoch bleibt.

Spöndlin: Angeline Fankhauser und Sarah Schilliger, vielen Dank für dieses spannende Gespräch.