Spiegel: „Polen: Ohne die Ukrainer[innen] geht nichts“

spiegelDer Spiegel, Onlineausgabe, Sonntag, 24.02.2008, Von Susanne Amann und Marta Glowacka, Warschau

An den meisten der sechs Millionen Rentner[innen] in Polen ist der Aufschwung der vergangenen Jahre vorbeigezogen. Die Durchschnittsrente reicht nicht für eine polnische Pflegerin und schon gar nicht für einen Heimplatz. Die Rettung für viele: Billige Pflegekräfte aus der Ukraine.

Janina Krawczyk hat Glück gehabt. Die 88-jährige Polin lebt seit über vierzig Jahren in ihrer kleinen Wohnung im Warschauer Stadtteil Zoliborz: Hier hängen die alten Fotos, hier stehen ihre Möbel, hier erinnert sie alles an ihren verstorbenen Mann. Allerdings lebt Krawczyk nicht allein, das wäre schon lange nicht mehr möglich. Denn die alte Dame kann sich nur noch mit Gehhilfen bewegen, leidet unter Bluthochdruck. Sie ist auf Hilfe im Haushalt angewiesen, wie viele der rund sechs Millionen Rentner[innen] in Polen.

Für 800 Zloty im Monat, umgerechnet rund 200 Euro, wird Krawczyk rund um die Uhr von Slawa Tereniuk versorgt, einer 51-jährigen Frau aus der Ukraine, die bei ihr lebt. Sie kocht, wäscht, putzt, kauft ein – und ist nebenbei auch noch zu einer guten Freundin der Seniorin geworden. „Ohne sie ginge es mir viel schlechter“, sagt Krawczyk. „Ich könnte mir keine polnische Haushaltshilfe leisten.“

Die Durchschnittsrente beträgt in Polen 1288 Zloty, eine ausgebildete Krankenschwester kostet zehn bis 15 Zloty – pro Stunde. Käme Tereniuk aus Polen, müsste Krawczyk mindestens 1000 bis 1500 Zloty zahlen. Ihre gesamte Rente. Noch teurer ist ein Platz in einem Pflegeheim, der mindestens 2000 Zloty kostet. Wessen Rente dafür nicht reicht, für den muss die Familie einspringen. Nur wenn der Rentner keine Familie hat, zahlt der Staat – rechnet dafür aber die gesamte Rente an.

Im Gegensatz zu vielen ukrainischen Landsleuten hat Tereniuk sogar eine Arbeitserlaubnis und ist offiziell angemeldet. Für ihre Sozialversicherung fallen noch mal 400 Zloty im Monat an. Das bezahlt der Sohn von Janina Krawczyk. Denn von ihrer Rente bleibt der alten Frau nicht viel. Von den 1500 Zloty (knapp 400 Euro) gehen 420 Zloty für die Miete weg, für Arzneimittel und Physiotherapie kommen noch einmal 400 Zloty dazu. Zusammen mit den 800 Zloty, die sie ihrer Pflegerin und Haushaltshilfe zahlt, ist das schon mehr, als sie eigentlich hat.

Für Kleinigkeiten – ein neues Kleidungsstück ab und an, ein paar Süßigkeiten oder gar ein Besuch im Café – bleibt nichts übrig.