„Ist für diese das Leben allein mit einer dementen Frau in einem Dorf in einem fremden Land zumutbar?“

bz3Eine berufstätige Tochter kann sich nicht selber um ihre Mutter kümmern. Sie prüfte Betreuungsmöglichkeiten, unter anderem auch den Einsatz von Polinnen.

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Irgendwo lese ich, dass in der Schweiz Frauen aus Polen und Tschechien Senioren pflegen. Warum nicht? Mutter lebt mittlerweile allein in ihren Haus. Der Freund ist in einem Heim, der Hund gestorben. Eine Betreuerin liesse sich gut unterbringen, und ich hätte eine Sorge weniger. Ich gebe bei Google «Seniorenbetreuung» und «Polen» ein, und bald reiht sich Website an Website. Die meisten von deutschen Vermittlungsagenturen, die auch in der Schweiz tätig sind. Die Angebote gleichen sich fast wie ein Ei dem andern.

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Als Erstes rufe ich bei «privatecare24» an. Frau Wisniewska antwortet am Telefon, freundlich, und in perfektem Deutsch. Wie alle anderen bietet «private-care24» Betreuung rund um die Uhr. Bei Entrichtung einer Notfalltaxe von 675 Franken kann per sofort jemand vermittelt werden. Die Preise richten sich nach den Ansprüchen der Kunden und nach dem Können der Betreuerinnen. «Es sind Polinnen, die zum Teil sehr gut Deutsch sprechen und teilweise auch Kurse in Seniorenpflege absolviert haben», versichert Frau Wisniewska. Zum Eruieren der Bedürfnisse und des Preises rät sie, das Internetanmeldeformular auszufüllen. Jetzt kriege ich eine Ahnung, was die Betreuung meiner Mutter bei «privatecare24» etwa kosten würde, mindestens so viel, wie Mutters Monatseinkommen beträgt: gut 3000 Franken. Eine Schweizer Betreuerin würde bis dreimal mehr kosten. Das Altersheim, je nach Pflege, bis 7000 Franken. Allerdings können hier Ergänzungsleistungen (EL) geltend gemacht werden.

Ich versuche es noch anderswo. «seniocare24» wirbt mit Kostengünstigkeit: «Polnische Pflegekräfte zur Betreuung schon ab 1260 Euro monatlich». Das Zückerchen: Bei dementen Personen kann die Betreuung für einen Monat auf Probe gebucht werden, mit 50 Prozent Ermässigung. Leider sind die Telefonlinien bei «seniocare24» immer besetzt. Man gerät in die Warteschlaufe und bleibt dort hän-gen. Die Discount-Pflegekräfte scheinen begehrt zu sein.

Die Vermittlungsagentur McCare lockt mit «aktivierender Pflege, Biografiearbeit und herzlicher Interaktion». Auf der Website wird ein «All-inclusive-Paket für 1935 Franken» angeboten. Am Telefon wird die Zahl allerdings relativiert. «Das ist unser günstigstes Angebot», sagt ein Herr Keller mit rauchiger Stimme. Bei einer Betreuerin mit guten Deutschkenntnissen steige der Basispreis auf 2175 Franken. Die Reisekosten von rund 350 Franken sowie eine einmalige Beratungsgebühr von 595 Franken kommen auch noch dazu. Damit liegt «McCare» preislich wieder im Durchschnitt. Wie viel die Betreuerinnen aus Polen, der Slowakei und Ungarn verdienen, ist nicht zu erfahren. Nur so viel: 1000 Franken mit Kost und Logis seien ein sehr guter Lohn, so Keller. Innert fünf Tagen könnte jemand da sein.

Ich habe ein ungutes Gefühl. Will ich Mutter wirklich diese ständig wechselnden Frauen zumuten? Und umgekehrt: Ist für diese das Leben allein mit einer dementen Frau in einem Dorf in einem fremden Land zumutbar? Mitten in meine Unentschlossenheit kommt ein Telefonanruf des Pflegeheims im Nachbardorf: In einem Zweierzimmer ist ein Bett frei geworden. Kosten: 4820 Franken. Spontan sage ich zu. In einer Woche kann Mutter einziehen. Ihr das beizubringen, erweist sich als einfacher, als ich es mir vorstellte: Mutter hat einen lichten Moment und ist milde gestimmt. An einem Nachmittag packen wir den Koffer und fahren ins Heim. Eine blonde Frau nimmt Mutter in Empfang, umarmt sie herzlich. Mutter ist hingerissen vom Charme der Pflegerin. Diese stammt übrigens aus Polen.»

Aufgezeichnet von Laura Fehlman, Berner Zeitung, 5.11.2011

Hier gehts zum Artikel der Berner Zeitung, publiziert am 5.11.2011