Eine grosse deutsche Lüge!

zeit.deArtikel aus: DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48, 23.11.2007, Autorin, Ulrike Meyer-Timpe

Rund 100.000 illegale Pflegerinnen aus Osteuropa betreuen alte Menschen im Land. Der Staat tut so, als bräuchten wir sie nicht.

In die Mulden der grün gewellten Landschaft schmiegen sich Fachwerkhäuser; der erste Schnee hat die Vorgärten gepudert. Die Menschen hier sind bodenständig, fest verwurzelt in der Heimat. Sie sind darüber alt geworden. Ihre Kinder zog es längst in die Grossstädte, zu den Jobs. Trotzdem lebt Martha S., deren Mann vor 17 Jahren starb, nicht mehr allein. Sonst hätte die 92-Jährige ihr Dorf und das Haus, das sie nach dem Krieg aus Trümmern erbaute, längst verlassen müssen. Die Rumänin Elisabeta begleitet sie jetzt durch den Alltag, der für die alte Dame undurchschaubar geworden ist.

Elisabeta, 39, ist eine zupackende Frau, die Herausforderungen gelassen begegnet. Seit August lebt sie bei Martha S. in dem schlicht verputzten Haus. Zimmer gibt es dort genug, doch sie schläft in einem Raum mit der alten Dame, damit sie sofort merkt, wenn es Probleme gibt. »Ich lasse die Frau nie allein«, sagt sie. Manchmal geht sie mit Martha S. in den Garten, manchmal sogar ein paar Schritte die Strasse auf und ab. Aber sie ist nie auch nur zum Einkaufen gewesen; die Lebensmittel bringt die Tochter von Frau S. am Wochenende mit. Elisabeta fehlt das deutsche Dorfleben nicht, sie vermisst ihre Heimat. »Ohne die Familie zu sein ist schwer für die Seele«, sagt die alleinerziehende Mutter und zeigt das Foto ihres 16-jährigen Sohnes. Der ist jetzt im Internat und am Wochenende bei den Grosseltern. »Er versteht, dass ich wegmusste, um Geld zu verdienen.«

Hinter Deutschlands Tüllgardinen blüht die Schwarzarbeit. Mindestens 100.000 illegale Pflegekräfte aus Osteuropa kümmern sich um bettlägerige oder demente Menschen. Nur hinter vorgehaltener Hand werden sie überall weiterempfohlen. Sie haben keine Arbeitserlaubnis und werden von Fahndern verfolgt. Eigentlich müsste der Staat ihre Arbeit fördern, denn er spart durch sie gewaltig.

Zwar wollte die SPD die illegalen Kräfte aus der Grauzone holen, wie Elke Ferner, Vizechefin der Bundestagsfraktion, im Vorfeld der Pflegereform erklärte. Doch im Gesetzentwurf des Kabinetts, über den der Bundestag im Dezember abstimmt, ist davon nichts zu sehen. Denn die Lösung des Problems ist schwierig. Einerseits ist Deutschland stolz auf sein Arbeits- und Sozialrecht, das Rund-um-die-Uhr-Jobs verhindert und Sozialversicherungen vorschreibt. Andererseits brauchen viele alte Menschen 24 Stunden täglich Beistand, und Sozialbeiträge würden die teure Betreuung gänzlich unbezahlbar machen.

Die Stimme von Monika S. klingt zärtlich, wenn sie den Arm um ihre Mutter legt und mit ihr spricht. Doch sobald das strahlende Lächeln kurz versiegt, legt sich ein Hauch von Erschöpfung über ihr Gesicht. »Anfangs weiss man gar nicht, was man tun soll«, sagt die 51-Jährige, die mit einem Büroservice selbstständig ist. Vor fast acht Jahren erlitt ihre Mutter einen Schlaganfall. Und als sie aus dem Krankenhaus kam, war nichts mehr so wie früher.

Die Tochter bestellte Essen auf Rädern. Aber die Mutter ass nicht, wenn sie allein war und begann, seltsame Fragen zu stellen. Zwar sahen entfernte Verwandte, Nachbarn und eine Frau aus der Kirchengemeinde nach ihr. Und die Tochter kam jedes Wochenende aus der vier Stunden entfernten Metropole angereist. Doch die alte Dame geisterte nachts durchs Haus, sie konnte gar nicht mehr allein bleiben. »Ich würde mir wünschen, dass die Regierung begreift«, sagt Monika S., »was Demenz und 24-Stunden-Betreuung bedeuten.«

Auf der Suche nach einer legalen Hilfe schaltete sie eine Anzeige. Doch die Bewerberinnen wollten keinesfalls bei der Mutter wohnen. Schliesslich fand sich eine 70-jährige Witwe. Aber die packte schon nach zwei Tagen ihre Sachen. Monika S. geriet in Panik. »Da habe ich dann telefoniert wie wild und alle möglichen Bekannten angefleht, ob sie nicht wenigstens für ein paar Tage kommen können«, sagt sie. Sie hat mehrere Minijobber für die Nächte engagiert und für die Tage im Zwei-Stunden-Takt Nachbarn verpflichtet. »Diese Übergangsphase mit den ständig wechselnden Menschen war für meine Mutter eine ganz grosse Kraftanstrengung«, sagt sie. Für sie selbst auch: Immer wieder fiel jemand in der sorgsam geschmiedeten Kette aus, immer wieder musste die Tochter aus der Ferne für Ersatz sorgen.

»Sosehr ich die Angehörigen verstehen kann, die eine polnische oder rumänische Lösung des Problems suchen: Zuerst müssen wir das inländische Arbeitskräftepotenzial ausschöpfen«, erklärt SPD-Pflegeexpertin Ferner heute. Genauso argumentieren das Arbeitsministerium und die Gewerkschaften. Nur: Es gibt dieses Potenzial nicht in Deutschland.

Zwar sollen möglichst viele alte Menschen zu Hause bleiben, weil die Heimunterbringung teuer für die Pflegeversicherung wird. Deshalb gibt es das Pflegegeld für die Angehörigen. Doch Monika S. hilft das nicht weiter: »Die Regierung erwartet offenbar von mir, dass ich meine Arbeit aufgebe, um meine Mutter zu pflegen. Aber dann werde ich ja selbst zum Sozialfall.« Andererseits mag sie es ihrer Mutter nicht zumuten, das Leben im Pflegeheim zu beschliessen. Einmal war die alte Dame kurz dort, und man gab ihr so viele Beruhigungsmittel, dass sie schon um fünf Uhr nachmittags über dem frühen Abendbrot einschlief. Da erschien es der Tochter als einzige Alternative, eine illegale Hilfe zu engagieren. Weil die Osteuropäerinnen immer nur ein paar Monate bleiben und sich dann in der Heimat erholen, hat sie bereits viele solcher Kräfte geholt. Und lebt seither in ständiger Furcht vor Entdeckung.

700 Euro im Monat zahlt sie Elisabeta, bar auf die Hand. Das ist der Preis, den Rumäninnen heute nehmen. Elisabeta wurde vor sieben Jahren vom Vater ihres Sohnes geschieden. Sie verkaufte Holz, selbst gemachte Nudeln und den Honig ihrer Bienen auf dem Markt und kam mit Glück auf umgerechnet 200 Euro im Monat. »Das ist zu wenig für mich und meinen Sohn«, sagt sie. »Das Leben ist so teuer geworden in Rumänien.« Notgedrungen ging sie im vergangenen Jahr erstmals in die Fremde, zu Martha S. Und kam dieses Jahr wieder.

Rumäninnen sind heute die Dumpinglöhner auf dem deutschen Pflegemarkt. »Tschechinnen und Slowakinnen kommen nicht mehr«, sagt Monika S. »Polinnen und Ungarinnen verlangen 1.200 bis 1.400 Euro. Und wenn die Rumäninnen demnächst auch so viel wollen, stehen wir da.« In Österreich erhielten sie bereits 800 Euro. Andreas Hoff, der in Oxford den Altendienst der Osteuropäerinnen erforscht, sagt: »Mit der Verbesserung der Lebensverhältnisse in den EU-Beitrittsstaaten wird der Anreiz weiter schwinden, im Ausland alte Menschen zu versorgen.«

Schon jetzt ist in den alternden Gesellschaften des Westens ein harter Wettbewerb um die Hilfen aus dem Osten entbrannt. Vermittelt von jüdischen Gemeinden arbeiten einige Bekannte Elisabetas sogar in Israel. Ihre Schwägerin pflegt eine alte Frau in Italien, genau wie Spanien ein beliebtes Ziel für Rumäninnen, weil die romanischen Sprachen vertraut klingen. Griechische Greise werden vor allem von Bulgarinnen betreut.

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 von zwei auf über drei Millionen wachsen. Und schon jetzt können sich nur besser gestellte Menschen die fremde Hilfe leisten. »Die Beschäftigung der illegalen Pflegekräfte ist ein Mittelstandsphänomen«, sagt Thomas Klie, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie. Künftig wird die Zahl der Familien weiter schrumpfen, die eine Helferin bezahlen können, wenn sie überhaupt eine finden.

Maria ist eine mütterliche Frau von 41 Jahren. »Komm, mein Schatz, iss! Den Kuchen habe ich extra für dich gebacken«, sagt die Rumänin, während sie den Löffel zum Mund der Greisin führt. Man müsse demente alte Menschen behandeln wie Kinder, ebenso liebevoll, manchmal auch streng, sagt sie. Und sie wisse ja, wie man Kleinkinder wäscht und Pampers wechselt. Seit vier Jahren kommt sie immer wieder nach Deutschland. Erst war sie in Köln, dann mehrfach in Augsburg, zuletzt in Duisburg. Dort wurde sie von einer Frau für deren kinderlose Tante engagiert, die an Alzheimer litt. Vor allem nachts habe die Frau oft nach ihrer Mutter gerufen und versucht zu telefonieren. »Mein Schatz, beunruhige deine Verwandten nicht. Du musst schlafen«, sagte Maria dann. Nach nur einer Woche kam die alte Dame ins Krankenhaus, wo Maria sie 14 Tage lang besuchte. Dann stand fest, dass die Frau in einem geschlossenen Heim leben muss. Marias Job war beendet. Weil sie nicht ohne Geld nach Hause fahren wollte, nahm sie prompt den nächsten Auftrag an, in einem bayerischen Dorf.

»Ich weiss, dass das illegal ist, aber was soll ich machen?«, sagt die Rumänin. »Alles Geld, was ich hier verdiene, ist für meine Kinder.« In diesem Jahr kaufte sie für ihre Söhne je einen Computer und finanzierte Nachhilfeunterricht. Jetzt haben beide die Aufnahmeprüfung bestanden: der 15-Jährige zum Gymnasium, der 19-Jährige zur Universität – er wird Ingenieur. Bis ihre Söhne das Studium abgeschlossen haben und gefragte Fachkräfte sind, will sie alte Menschen pflegen. »Ich hoffe nur, dass meine Eltern so lange gesund bleiben, sonst muss ich zurück. Mir würde es das Herz brechen, sie in ein Altenheim zu geben«, sagt sie.

Drei Entwicklungen machen die Pflege alter Menschen zur Herausforderung für die Politik. Zum Ersten die steigende Lebenserwartung: Jeder vierte über 80-Jährige und jeder zweite über 90-Jährige ist an Demenz erkrankt, insgesamt 1,1 Millionen in Deutschland. Zum Zweiten die wachsende Mobilität: Immer weniger Alte leben am selben Ort wie die Kinder. Und zum Dritten die wachsende Zahl berufstätiger Frauen.

Anders als hiesige Politiker haben die meisten EU-Regierungen begriffen, dass sie die Helferinnen aus dem Osten brauchen. Oxford-Forscher Hoff sagt: »In keinem anderen Land wird die illegale Pflege so rigide als Schwarzarbeit verfolgt wie in Deutschland.« Die Zollfahndung sammelt – meist anonyme – Anzeigen von etablierten Pflegediensten oder böswilligen Nachbarn und schlägt dann geballt zu. Den Osteuropäerinnen und ihren Auftraggebern drohen Geldstrafen. In Italien hingegen betreuen bereits 690.000 Migrantinnen die Alten, oft vermittelt durch die Kirchengemeinde. Sie werden geduldet, sobald sie im Land sind, und müssen nicht mit Fahndern rechnen. Selbst in Österreich zog man Konsequenzen. Dort kümmerten sich bis zu 50.000 Osteuropäerinnen um alte Menschen, schätzt der Gerontologe Thomas Klie, umgerechnet auf die Bevölkerung fünfmal so viele wie in Deutschland. Vor gut einem Jahr wurde dort bekannt: Sogar der Schwiegervater des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel wurde illegal gepflegt. Erst gab es daraufhin eine Amnestie für die Helferinnen und ihre Auftraggeber. Jetzt kann man die Osteuropäerinnen ganz legal als Selbstständige engagieren.

In Deutschland ging man den schlechteren Weg. Nach dreijähriger Pilotphase gibt es hier seit 2005 ein Programm, mit dem hilfsbedürftige Alte regulär Unterstützung finden – über die Auslandsvermittlung der Arbeitsagentur. Deren Direktorin Monika Varnhagen sagt stolz, dass die Zahl der Vermittlungen 2007 um ein Drittel gestiegen sei. Doch im ganzen Jahr 2006 wurden nur 2241 Kräfte vermittelt. Kein Wunder: Die Sozialversicherungspflicht macht die offiziellen Kräfte teuer. Genau das sieht Walter Hirrlinger, Chef des Sozialverbands VdK, als Problem: »Muss man diese Jobs wirklich sozialversicherungspflichtig machen, wo die Frauen ohnehin keine Rente bekommen werden, weil sie zu kurz einzahlen?«, fragt er. Er kennt viele, die illegale Helferinnen beschäftigen: »Die könnten sich alle nicht leisten, auch noch Sozialbeiträge zu zahlen.« Während die Osteuropäerinnen mehr Geld verlangen, macht der deutsche Staat legale Hilfen durch die Sozialversicherungspflicht also unnötig teuer.

Die Polin Mirka kennt ihren Wert. Drei Monate hat die 48-Jährige jetzt in Deutschland gearbeitet – schwarz. Weil sie kein Deutsch spricht, gab sie sich mit 1100 Euro auf die Hand zufrieden. Künftig will sie 1500 Euro verlangen. Denn jetzt weiss sie: »Es ist schwierig für die Menschen, für diese Arbeit jemanden zu finden. « Ein Mittfünfziger, der mit seinen greisen Eltern lebt, hatte sie engagiert. Die Mutter ist querschnittsgelähmt, der Vater herzkrank und gehbehindert. Von morgens um sieben bis abends um halb neun, wenn der Sohn in der 80 Kilometer entfernten Stadt arbeitete, versorgte Mirka die beiden Alten. Zudem führte sie allen dreien den Haushalt, sie kochte und kümmerte sich um die Wäsche. Nur samstags hatte sie den Nachmittag frei. Sie fühlte sich »wie eine Sklavin«.

Jetzt ist Mirka nach Polen zurückgekehrt, zu ihrer 16-jährigen Tochter. Für ihren nächsten Einsatz sucht sie eine Familie, die ihr mehr Freizeit gewährt. Zu dem letzten Auftraggeber, der mit ihrer Rückkehr rechnet, will sie nicht mehr. Wenn es dem Sohn dann nicht gelingen sollte, einen Ersatz zu finden, werden seine Eltern wohl in ein Heim übersiedeln müssen. Die deutsche Pflegeversicherung käme das teuer zu stehen. Ihre Faustformel lautet: 100.000 Pflegebedürftige, die zu Hause versorgt werden, kosten die Versicherung 630 Millionen Euro, für die entsprechende Zahl von Heimbewohnern zahlt sie 1,51 Milliarden pro Jahr. Ohne die illegalen Kräfte, die weit über 100.000 alte Deutsche versorgen, müsste sie also rund eine Milliarde Euro mehr ausgeben.

Dem Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem gibt das zu denken. »Das wäre ein Riesenbatzen Geld«, sagt der Professor. »Und es fragt sich, ob man über die Illegalität sparen oder nicht lieber eine vernünftige Lösung suchen sollte.« Durch Legalisierung wie in Österreich, wo die Helferinnen als Selbstständige arbeiten dürfen – und vielleicht sogar, indem man ihren Einsatz finanziell fördert. Auch das macht die Alpenrepublik vor: Wer dort eine selbstständige Altenhilfe engagiert, bekommt monatlich 225 Euro Zuschuss; wer sie regulär anstellt, erhält sogar 800 Euro.

Für die deutsche Pflegeversicherung würde das bedeuten: Sie müsste die Arbeit der Osteuropäerinnen zur »Sachleistung« erklären, als die bislang nur der Einsatz von Pflegediensten gilt. Dann könnten sich weit mehr Menschen die fremde Hilfe leisten. Und weniger kämen ins Heim. Der Experte Wasem kommt zu dem Schluss: »Das würde sich bald rentieren.«