Eine Altenpflegerin für weniger als 2000 Franken

nzzKatharina Bracher, NZZ, Schweiz

Osteuropäerinnen arbeiten zu Dumpinglöhnen als Privatpflegerinnen in der Schweiz“ ab dem 1. Mai 2011 legal

 

Immer mehr Schweizer stellen private Altenpflegerinnen aus den Oststaaten ein. Die Billig-Arbeitskräfte werden bald schon ganz legal von Schweizer Agenturen vermittelt.

In der italienischen Schweiz werden sie ganz einfach «Badanti» genannt “ zu deutsch: Altenpflegerinnen. In Spitex-Fachkreisen bezeichnet man sie als «Care-Migrantinnen». Hinter diesen Begriffen steht eine rasant wachsende Zahl von Frauen aus Osteuropa, die in der Schweiz teils illegal als Pflegerinnen von alten und betagten Menschen in Privathaushalten arbeiten. Oft handelt es sich um Migrantinnen aus den EU-Oststaaten, die für ein paar Monate in der Schweiz arbeiten und danach für eine gewisse Zeit in ihre Heimat zurückkehren. Grösstenteils werden sie von ausländischen Agenturen für Monatslöhne von unter 2000 Franken in die Schweiz vermittelt.

«Die Spitex kennt das Phänomen seit längerer Zeit», sagt Stephanie Mörikofer, Präsidentin des Spitex-Verbands Schweiz. Mitarbeiterinnen der öffentlichen Spitex treffen in ihrem Arbeitsalltag immer häufiger auf privat angestellte Pflegerinnen. Einzelne Mitarbeiterinnen wissen von mehreren Dutzend Familien zu berichten, die eine private Betreuerin aus den Oststaaten eingestellt haben. Da die Care-Migrantinnen aber nirgends angemeldet sind, kann niemand genaue Zahlen nennen. Der einzige Kanton, der das Phänomen mittels einer Befragung zu quantifizieren versucht hat, ist das Tessin. Gemäss Marco Treichler, Geschäftsführer der Spitex Lugano, stammen mehr als 70 Prozent der privaten Pflegehilfen im Tessin aus dem Ausland. «Etwa ein Drittel davon sind Polinnen.» Die «Badanti» werden teils im Bekanntenkreis weiterempfohlen, teils von Agenturen vermittelt.

Vermittlungsagenturen boomen

Mit diesen Agenturen näher auseinandergesetzt hat sich Sarah Schilliger von der Universität Basel. Die junge Soziologin forscht über Care-Migration und verfasst ihre Dissertation zu diesem Thema. «Vor drei Jahren gab es nur einige wenige Agenturen, die Frauen aus Osteuropa für die Pflege in Schweizer Privathaushalte vermittelten», erklärt Schilliger. Heute seien es gleich mehrere, die vor allem aber das Internet für ihre Dienstleistung werben.

«Die meisten Frauen bewegen sich in der Grauzone zwischen legaler und illegaler Beschäftigung», sagt Schilliger. Die Rechtssituation der «Badanti» ist kompliziert “ meistens berufen sich die Agenturen auf eine neue EU-Richtlinie, um Schweizer Kunden die Legalität des Unterfangens zu belegen. Demnach dürfen Selbständige und Unternehmen aus der EU Dienstleistungen in der Schweiz anbieten. Sozialversicherungsbeiträge entrichtet die Agentur im Heimatland der Pflegerin. Damit ist längst nicht dafür gesorgt, dass die Frauen gesetzeskonforme Arbeitsverträge und eine angemessene Entschädigung erhalten. Wie eine Anfrage bei einer in Deutschland ansässigen Agentur ergibt, ist eine Pflegerin für die 24-Stunden-Betreuung einer betagten Person schon ab 1200 Euro “ umgerechnet rund 1550 Franken“ pro Monat zu haben.

Der Preis variiert mit den «Sprachkenntnissen und dem Ausbildungsstand» der Pflegehilfe, wie es auf Anfrage heisst. Die Arbeitskraft arbeite sechs Tage in der Woche und sei 24 Stunden abrufbereit. Für Kost und Logis hat der Kunde aufzukommen. Nach ein paar Monaten werde die Pflegerin in den Heimaturlaub entlassen und ein Ersatz geschickt.

Billigpflege ab Mai legal

Das «rechtliche Niemandsland», wie es Forscherin Schilliger nennt, wird sich ab dem 1. Mai 2011, wenn die Personenfreizügigkeit auch für die acht EU-Oststaaten gilt (darunter Polen, Lettland, Litauen und Ungarn) in legales Terrain verwandeln. Ab dann besteht für die Care-Migrantinnen keine Bewilligungspflicht mehr. Aus diesem Grund kündigen Vermittlungsagenturen nun an, in der Schweiz eine Filiale zu eröffnen. So etwa das in Spanien gegründete Unternehmen McCare. Die Firma will ab Sommer im Raum Zürich eine Niederlassung eröffnen, wie Geschäftsführer Edwin Keller mitteilt. «Wir verfügen zurzeit über zirka 1400 Pflegerinnen, welche wir sofort in der Schweiz einsetzen können», so Keller.

Die ab dem 1. Mai gültige Regelung sieht vor, dass die Pflegerinnen aus den EU-Oststaaten maximal 90 Tage in der Schweiz tätig sein dürfen. «Anschliessend erfolgt ein Austausch der Pflegerin», schreibt Keller. Das sei nach einem dreimonatigen Dauereinsatz sowieso angezeigt, denn die Pflegerinnen seien in der Regel «ausgepowert».

Serge Gaillard, Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft, geht davon aus, dass die Zahl der Care-Migrantinnen ab dem 1. Mai zunehmen wird. «Wir prüfen, ob der kürzlich erlassene Normalarbeitsvertrag (NAV) für Haushaltshilfen im Falle der Pflegehilfen aus Osteuropa anwendbar ist», sagt Gaillard.

Der im NAV vorgesehene Mindestlohn beträgt 18 Franken 20 pro Stunde. Doch selbst wenn dieses gesetzliche Minimum eingehalten wird, ist der 24-Stunden-Einsatz einer polnischen Pflegehilfe immer noch viel billiger als der Aufenthalt in einem Pflegeheim.