Zwei Jahre RESPEKT@vpod

Gruppenbild_Fest 2 Jahre Respekt_2015-06-20Im Juni feierte das Netzwerk RESPEKT@vpod seinen zweiten Geburtstag. Wie ist das Netzwerk entstanden? Für was setzt es sich ein? Mit welchen Herausforderungen sind die Gewerkschaften heute konfrontiert? Und welche Antworten darauf bietet RESPEKT@vpod?

von Nina Vladović

Betreuung rund um die Uhr und 6 Stunden bezahlt. Die Stellen in der 24-Stunden Betreuung in Privathaushalten sind häufig durch prekäre Arbeitsbedingungen charakterisiert, durch niedrigen Lohn, mangelnde Sicherheit und kurze Kündigungsfrist. Es ist oft unklar, was zur Arbeits- und was zur Freizeit zählt. Die Frauen, die als Live-ins in der 24-Stunden Betreuung arbeiten, haben oft kein Privatleben und sind sozial isoliert. Bożena Domańska, die aus Polen stammt und seit 20 Jahren in der Betreuung pflegebedürftiger Menschen tätig ist, hat sich gegen diese ungerechten Arbeitsbedingungen gewehrt. Sie ist aber nicht die Einzige. Seit dann wehrten sich viele – und zwar erfolgreich. Das letzte Beispiel und ein grosser Erfolg für die Respekt Frauen war die Lohnklage von Agata J. In ihrem Fall urteilte das Zivilgericht in Basel-Stadt, wie die 24-Stunden Betreuungsarbeit in privaten Haushalten entlohnt werden soll. Auch die Rufbereitschaft muss entschädigt werden – im Fall von Agata J. mit dem halben Stundenlohn.

RESPEKT für die Care-Arbeit!

Beide Frauen sind im Netzwerk RESPEKT@vpod aktiv. Respekt wurde am 13. Juni 2013 in Basel gegründet. Der Ort der Gründung war kein Zufall. Im Kanton Basel ist der Marktanteil der profitorientierten Spitex, im Vergleich zum nationalen Durchschnitt von 10%, mit 30% ausserordentlich hoch. Das Netzwerk organisiert die Care-Arbeiterinnen, die in Privathaushalten arbeiten und rund um die Uhr pflegebedürftige Menschen betreuen. Meistens kommen sie aus Osteuropäischen Ländern und sind ungenügend über ihre Rechte informiert. RESPEKT@vpod informiert die Frauen über ihre Rechte und wehrt sich gegen diese prekären Arbeitsbedingungen. Die Care-Migrantinnen vom RESPEKT@vpod fordern das Recht auf gesetzlich vorgeschriebene Frei- und Ruhezeit, die Einhaltung der Mindestlöhne und eine der Berufserfahrung angemessene Lohnentwicklung, vereinbarte Arbeitspensen statt Arbeit auf Abruf, Lohnfortzahlung bei Krankheit, Pensionskassenversicherung, Kündigungsschutz und Mitwirkungsrechte. Das Netzwerk hat gezeigt, dass die Care-Migrantinnen keine handlungsunfähigen Opfer sind. Es hat den Frauen eine Stimme gegeben und der Bewegung ein Gesicht – das von Bożena Domańska. Am 20. Juni feierte das Netzwerk RESPEKT@vpod seinen zweiten Geburtstag.

RESPEKT als Antwort auf die neuen Herausforderungen für die Gewerkschaften

Wie organisiert man die Angestellten in einer Zeit, in der die gemeinsame Arbeitsidentität langsam verloren geht? Wie erreicht man diejenigen, die nicht in Kollektiven, sondern innerhalb von vier Wänden der Privathaushalten arbeiten? Die Gewerkschaften müssen neue Lösungen vorschlagen. Mit seiner Strategie des self-organizing und selbständiger Entscheidungsfindung durch die Akteure macht das Netzwerk RESPEKT@vpod einen Schritt in die richtige Richtung.


 

Langzeitpflege in der Schweiz

Die öffentlichen Dienste in der Schweiz werden kontinuierlich abgebaut. Tatsächlich übernehmen die Krankenkassen die körperbezogenen Pflegeleistungen. Die restlichen alltäglichen hauswirtschaftlichen Dienstleistungen oder Betreuungsdienste werden jedoch als Privatsache gesehen. In der Schweiz ist der auf die Langzeitpflege aufgewendete Anteil des BIP hoch und auf dem Niveau der nordischen Länder. Genauso wie Norwegen, Finnland und Dänemark, gibt die Schweiz mehr als 2% ihres BIP für die Langzeitpflege aus. Allerdings ist der Anteil der öffentlich finanzierten Langzeitpflege in anderen OECD-Ländern 85 %, während er in der Schweiz weniger als 40% beträgt. Früher wurde diese Arbeit innerhalb der Familie geleistet. Meistens übernahmen die Frauen diese Verantwortung und kümmerten sich um die pflegebedürftigen Familienmitglieder. Mit dem Anstieg der Frauenerwerbsquote in den letzten 30 Jahren ist das schwierig bis unmöglich geworden. Soziologin Sarah Schilliger spricht von der Entstehung einer Reproduktionslücke, die zu einem Boom des privaten Markts für ambulante Pflege und Betreuungs- und Haushaltsdienste geführt hat. Die Firmen, die 24-Stunden Betreuung anbieten, setzen dabei meistens auf Arbeitskräfte aus dem Ausland. Die Arbeit wird häufig durch schlechte Arbeitsbedingungen gekennzeichnet.

Finanzierung der Langzeitpflege in OECD-Ländern

The share of public LTC expenditure is higher than that of private LTC expenditure in OECD countries (2)

Quelle: OECD 2011, S. 471


1 OECD (2011). Help Wanted? Providing and Paying for Long-Term Care. OECD, May 2011.

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