Die Daheimangestellten

Respekt Zu Hause alt werdenDas Basler Netzwerk Respekt@VPOD betreut Care-Migrantinnen und geht wenn nötig auch gerichtlich gegen ausbeuterische Arbeitgeber vor. Mit einigem Erfolg. Jetzt plant der VPOD die Ausweitung auf weitere Regionen.

Text: Elvira Wiegers, VPOD-Zentralsekretärin

Bis heute verhindern handfeste politische und wirtschaftliche Interessen eine ganzheitliche Betrachtung und Steuerung des schweizerischen Gesundheitswesens. Obwohl Vergleiche mit dem Ausland belegen, dass Wettbewerb und Privatisierung die Probleme weder lösen noch eine dauerhafte Kostensenkung bewirken, fehlt der Wille, nachhaltige Alternativen zu erarbeiten. Die Folgen: Es mangelt zunehmend an Fachkräften. Und es fehlen zeitgemässe Angebote in der Langzeitpflege.

Immer häufiger sind es deshalb Privatpersonen, welche die Initiative ergreifen und im eigenen Zuhause Pflegerinnen einstellen. Die Privathaushalte sind nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt, und so arbeiten die Care-Arbeiterinnen mitten unter uns in teilweise sklavenähnlichen Verhältnissen und fast immer zu miesen Löhnen. Tatsache ist: Mit einer fairen Entlöhnung und fairen Arbeitsbedingungen ist die private 24-Stunden-Pflege zu Hause mit einer Person nicht machbar – und mit mehreren Personen nicht bezahlbar.

Sogar Bundesrat sieht Problem

Erst langsam dringen die misslichen Arbeitsbedingungen der sogenannten Live-Ins ins politische und öffentliche Bewusstsein. Auch dank dem VPOD, der 2013 in Basel das Projekt Respekt@VPOD gestartet hat mit dem Ziel, die grösstenteils aus Mittel- und Osteuropa stammenden Frauen zu beraten, zu organisieren und auf der juristischen Ebene zu unterstützen. Es konnten erfolgreiche Klagen geführt werden, und heute ist Respekt@VPOD etabliert und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Das Projekt dient auch deshalb als Vorbild, weil die Care-Migrantinnen als schwer organisier- und mobilisierbar gelten.

Die Arbeitssituation der Care-Migrantinnen treibt auch die Wissenschaftlerin und Schwyzer SP-Kantonsrätin Karin Schwiter um. Sie verfolgt das Thema seit 6 Jahren und leitet derzeit ein nationales Forschungsprojekt zum 24-Stunden-Betreuungsmarkt in der Schweiz. Die aktuelle Situation beurteilt Schwiter so: «Die 24-Stunden- Betreuerinnen haben schon sehr viel erreicht. Es gelingt ihnen immer besser, sich miteinander auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Ausserdem haben sie es durch grosse Medienpräsenz geschafft, die Öffentlichkeit auf ihre oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen.» In seinem jüngst erschienenen Bericht konstatiert sogar der Bundesrat, dass sie arbeitsrechtlich besser geschützt werden müssen.

Von Nachbarn lernen

In Deutschland und in Österreich ist die Anstellung von 24-Stunden- Betreuerinnen sehr viel weiter verbreitet als in der Schweiz. Das habe, so Schwiter, auch damit zu tun, dass die beiden Länder die Betreuung im Privathaushalt durch staatliche Pflegegelder unterstützen. Es zeige sich jedoch, dass die Arbeitsplätze in den Haushalten äusserst prekär sind und oft ausbeuterische Züge tragen. «Diese aus Arbeitnehmersicht negativen Erfahrungen der Nachbarländer geben uns die Möglichkeit, über bessere Regulierungen und alternative Formen der Betreuung nachzudenken», sagt Schwiter. Wie der VPOD zweifelt auch sie an der Realisierbarkeit einer fairen und bezahlbaren privaten Lösung. «Hingegen machen einige nordische Länder sehr gute Erfahrungen mit öffentlich organisierten und finanzierten mobilen Betreuungsdiensten – ähnlich unserer Spitex.»

Ebendiese gemeinnützige Spitexstruktur sieht der VPOD als Basis für eine zeitgemässe Langzeitpflege. Dazu würde auch ein GAV gehören, damit mittels guten Arbeitsbedingungen dem stetig zunehmenden Arbeitskräftemangel entgegengewirkt werden kann. Doch solange es Bestrebungen gibt, die Langzeitpflege privat zu organisieren, wird der VPOD Care-Migrantinnen unterstützen. Deshalb hat der Verband beschlossen, Respekt@VPOD national zu verankern und auch in anderen Regionen entsprechende Netzwerke aufzubauen.

 

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